Lügenfresse

Wolfsgeruch liegt in der Luft, die Nase des Hundes irrt sich nicht. Umschlungen von Wäldern liegt diese Weide und längst haben die Wölfe gewittert, welch liebliche Schäflein hier grasen. Habt keine Angst, sorgt euch nicht, der Hund wird die üblen Biester bald vertreiben, schon folgt er ihrer Spur. Sein Stolz, Schutz und Schild dieser Herde zu sein, ist grenzenlos, zumal der Hirte schläft und nun der Hund die volle Verantwortung trägt.
„Liebe Brüder“, spricht der Wolf, „ist es nicht schön, ein liebes Schaf zu sein?“
„Määh, schön ist das, määh.“, antworten die Schafe. „Aber sag, lieber Bruder, warum hast du so große Augen?“
„Damit ich den Hund besser sehen kann! Den Hund, der uns alle fressen will!“
„Aber der Hund schützt doch die Herde!“
„Der Hund hat nie ein Schaf gefressen!“
Gierig grinst der Wolf. „Das glaubst du nur, weil du es selbst nie gesehen hast! Aber am anderen Ende der Weide, da frisst der Hund die Schafe, ich hab es selbst gesehen!“
Die Weide ist so groß, dass man den Hund tatsächlich schon lange nicht mehr gesehen hat, und die Worte des Wolfs machen den Schafen Angst.
Kommt der Hund, nur Wolfsgeruch in der Nase und nix auf den Augen. „Ist hier der Wolf?“, bellt er.
„Nein, määh, nur wir Schafe, määh, nur wir Schafe.“
„Ja, grrr, nur wir Schafe, grrr, nur wir Schafe.“
Zieht ab der Hund, zieht ab der Wolf.
„Liebe  Brüder“, spricht der Wolf zur nächsten Gruppe Schafe, „ist es nicht schön, ein liebes Schaf zu sein?“
„Määh, schön ist das, määh.“, antworten die Schafe, „aber sag, lieber Bruder, warum hast du so große Ohren?“
„Damit ich den Hund besser hören kann! Den Hund, der uns alle fressen will!“
Auch hier empören sich die Schafe zunächst, doch der Wolf versichert es ihnen immer und immer wieder, bis ihre Wolle vor Angst sich kringelt.
Kommt wieder der Hund, nur Wolfsgeruch in der Nase und nix auf den Augen. „Ist hier der Wolf?“, bellt er.
„Nein, määh, nur wir Schafe, määh, nur wir Schafe.“
„Ja, grrr, nur wir Schafe, grrr, nur wir Schafe.“
„Aber es riecht hier nach Wolf!“, bellt der Hund nun lauter. „Ihr Schafe, ich bitte euch! Ihr wisst ich bin ein Hund und habe nur eine Nase aber nix auf den Augen und Fell in den Ohren! Der Wolf hat große Augen, große Ohren und große Zähne! Seid ihr sicher, dass ihr nirgends einen Wolf sehen könnt?“
„Nein, määh, nur wir Schafe, määh, nur wir Schafe.“
„Ja, grrr, nur wir Schafe, grrr, nur wir Schafe.“
Zieht ab der Hund, zieht ab der Wolf.
„Liebe  Brüder“, spricht der Wolf zur nächsten Gruppe Schafe, „ist es nicht schön, ein liebes Schaf zu sein?“
„Määh, schön ist das, määh.“, antworten die Schafe, „aber sag, lieber Bruder, warum hast du so große Zähne wie ein Wolf?“
„Damit ich den Hund besser fressen kann! Ihn fressen, bevor er uns frisst!“
Die Worte des Wolfes haben sich mittlerweile überall auf der Weide herumgesprochen. „Ja, määh, ihn fressen, ihn fressen, bevor er uns frisst, määh!“, rufen die Schafe.
Kommt ein letztes Mal der Hund, nur Wolfsgeruch in der Nase und nix auf den Augen. „Ist hier der Wolf?“, bellt er.
„Du bist der Wolf, du bist der Wolf!“, mähen die Schafe und fressen den Hund.
Der Wolf aber heult, denn ein voller Mond ist herangezogen, und das ganze Rudel versammelt sich zu einem Festmahl.

Wolfsgeruch liegt in der Luft, die Nase des Hundes irrt sich nicht. Umschlungen von Wäldern liegt diese Weide und längst haben die Wölfe gewittert, welch liebliche Schäflein hier grasen. Habt keine Angst, sorgt euch nicht, der Hund wird die üblen Biester bald vertreiben, schon folgt er ihrer Spur. Sein Stolz, Schutz und Schild dieser Herde zu sein, ist grenzenlos, zumal der Hirte schläft und nun der Hund die volle Verantwortung trägt.
Wolf: „Liebe Brüder, ist es nicht schön, ein liebes Schaf zu sein?“
Schafe: „Määh, schön ist das, määh.“
Schaf: „Aber sag, lieber Bruder, warum hast du so große Augen?“
Wolf: „Damit ch den Hund besser sehen kann! Den Hund, der uns alle fressen will!“
Schaf: „Aber der Hund schützt doch die Herde!“
Schaf: „Der Hund hat nie ein Schaf gefressen!“
Wolf: „Das glaubst du nur, weil du es selbst nie gesehen hast! Aber am anderen Ende der Weide, da frisst der Hund die Schafe, ich hab es selbst gesehen!“
Die Schafe schauen sich um. Die Weide ist so groß, dass man den Hund tatsächlich schon lange nicht mehr gesehen hat, und die Worte des Wolfs machen den Schafen Angst. Kommt der Hund, nur Wolfsgeruch in der Nase und nix auf den Augen.
Hund: „Ist hier der Wolf?“
Schafe: „Nein, määh, nur wir Schafe, määh, nur wir Schafe.“
Wolf: „Ja, grrr, nur wir Schafe, grrr, nur wir Schafe.“
Zieht ab der Hund, zieht ab der Wolf. Einige Schafe trotten langsam umher, die Gruppen mischen sich.
Der Wolf geht zur zweiten Gruppe Schafe.
Wolf: „Liebe  Brüder, ist es nicht schön, ein liebes Schaf zu sein?“
Schafe: „Määh, schön ist das, määh.“
Schaf: „Aber sag, lieber Bruder, warum hast du so große Ohren?“
Wolf: „Damit ich den Hund besser hören kann! Den Hund, der uns alle fressen will!“
Schaf: „Das glaube ich nicht!“
Schaf: „Der Hund ist unser Freund!“
Wolf: „Ein toller Freund, der für Leid und Tod der Schafe verantwortlich ist! Er ist es, der denn Schäfer vertrieben hat!“
Kommt wieder der Hund, nur Wolfsgeruch in der Nase und nix auf den Augen.
Hund: „Ist hier der Wolf?“
Schafe: „Nein, määh, nur wir Schafe, määh, nur wir Schafe.“
Wolf: „Ja, grrr, nur wir Schafe, grrr, nur wir Schafe.“
Hund: „Aber es riecht hier nach Wolf! Ihr Schafe, ich bitte euch; ihr wisst, ich bin ein Hund und habe nur eine Nase aber nix auf den Augen und Fell in den Ohren! Der Wolf hat große Augen, große Ohren und große Zähne! Seid ihr sicher, dass ihr nirgends einen Wolf sehen könnt?“
Schafe: „Nein, määh, nur wir Schafe, määh, nur wir Schafe.“
Wolf: „Ja, grrr, nur wir Schafe, grrr, nur wir Schafe.“
Zieht ab der Hund, zieht ab der Wolf. Einige Schafe trotten langsam umher, die Gruppen mischen sich.
Der Wolf geht zur dritten Gruppe Schafe.
Wolf: „Liebe  Brüder, ist es nicht schön, ein liebes Schaf zu sein?“
Schafe: „Määh, schön ist das, määh.
Schaf:  „Aber sag, lieber Bruder, warum hast du so große Zähne wie ein Wolf?“
Wolf: „Damit ich den Hund besser fressen kann! Ihn fressen, bevor er uns frisst!“
Die Worte des Wolfes haben sich mittlerweile überall auf der Weide herumgesprochen.
Schafe: „Ja, määh, ihn fressen, ihn fressen, bevor er uns frisst, määh!“
Kommt ein letztes Mal der Hund, nur Wolfsgeruch in der Nase und nix auf den Augen.
Hund: „Ist hier der Wolf?“
Schafe: „Du bist der Wolf, du bist der Wolf!“
Die Schafe stürzen sich auf den Hund und fressen ihn. Der Wolf heult, weitere Wölfe treten heulend auf die Bühne, das ganze Rudel versammelt sich zu einem Festmahl.

Irmengard

Ein Wind aus Asche und Feuerfunken strich durch die Wälder und flüsterte ihren Namen. Irmengard.

Die Feuchtigkeit der Buche fühlte sich gut an auf ihrem verbrannten Gesicht. Wie ein gehetztes Raubtier kauerte sich Irmengard an den Baum, hielt sich an ihm fest. Der Herrgott wusste, dass ihre Beine allein dazu nicht mehr in der Lage waren. Ihre Augen huschten durchs Unterholz. Es dunkelte bereits, aber das Abendrot erstrahlte heller als sie es je zuvor in ihrem Leben gesehen hatte, und warf sein Licht wie ein Glutfeuer auf den Wasgenwald herab.

Etwas regte sich in den Sträuchern. Irmengard fasste das Küchenmesser fester, das sie dem Schmied gestohlen hatte. Eine Sünde, die sie nur schweren Herzens begangen hatte, aber der heilige Ulrich würde ihr vergeben. Außer diesem Messer besaß sie nichts, um sich zur Wehr zu setzen. Genau genommen besaß sie überhaupt nichts außer diesem Messer und dem Kleid aus groben Leinem an ihrem schlanken Körper. Keinen Schmuck, keinen Mantel, nicht einmal Schuhe. Ihren Gemahlen hatten die Schergen des Grafs genommen, vor vielen Jahren, und ihre Ehre obendrein. Ihr ganzes Leben hatte damals in Flammen gestanden, so hatte es sich angefühlt. Doch es war kein Vergleich zu dem, was heute Abend geschehen war. Das Feuer, das über ihr Dorf gekommen war, war kein sprichwörtliches. Es war ein Feuer, wie es der Teufel selbst in seiner tiefsten Hölle ausgebrütet haben musste. Haus und Hof waren diesem Feuer zum Opfer gefallen. O, dieses schreckliche Feuer … nichts war ihr geblieben, nur eine Tochter besaß sie noch auf dieser Welt; und die war irgendwo da draußen.

Das Rascheln hatte plötzlich aufgehört, und Irmengard wähnte sich schon in Sicherheit, da brach mit aufregtem Schreckenslaut ein Tier aus dem Gebüsch hervor. Die Angst trieb sie dazu, ihre Augen vor der anstürmenden Bedrohung zu verschließen, aber ihr Herz stählte ihren Arm, festigte ihren Stand. Erschrocken fuhr sie zusammen, als sie einen heftigen Windhauch neben sich spürte, stolperte zur Seite und stürzte ins Laub. Sie riss die Augen auf und sah noch mit an, wie das Reh mit einem wilden Schlenker an ihr vorbeihuschte und zwischen den Bäumen verschwand. Noch lange, nachdem es verschwunden war, hörte sie seine verzweifelten Rufe.

Alle siebenhundert Jahre erwachte der Drache aus seinem Schlummer. Die Geschichten darüber kannte sie, seit sie auf eigenen Beinen stehen konnte. Manchmal hatte sie von ihm geträumt. Es waren wilde, verwegene Träume gewesen, wie sie sich einem gottesfürchtigen Kind nicht ziehmten, und nie hatte sie mit irgendeiner Menschenseele darüber gesprochen. In diesen Träumen war sie oftmals auf den mächtigen Rücken des Drachen geklettert, war mit ihm gemeinsam in die höchsten Höhen aufgestiegen, hatte sich von seinem sengenden Odem veredeln lassen. Mit dem Alter waren diese Träume dann verschwunden. Lange Zeit hatte sie nicht mehr daran gedacht. Bis zum heutigen Abend.

Es konnte nicht sein, es war unmöglich. Die Geschichten über den Drachen des Wasgenwaldes waren doch nur ein Schauermärchen. Aber die Männer des Grafen hatten etwas ganz ähliches zu berichten gewusst, worüber sie von ihrem Hauptmann gescholten und von den Bewohnern des Dorfes verlacht worden waren. Eine Erklärung dafür, was mit ihrem Kameraden geschehen war, hatte allerdings keiner von ihnen gehabt. Irmengard würde diesen Anblick ein Lebtag nicht vergessen. Zu einem unförmigen Klumpen aus Fleisch und Stahl war er verschrumpelt, an dem nur noch grob die Gliedmaßen und der blutverschmierte Schädel zu erkennen gewesen waren. Bei der Erinnerung daran durchfuhr sie ein Schauer, und ihre Beine wurden wieder weich vor Angst. Dennoch, sie durfte nicht wanken.

„Immi“, flüsterte sie und zog weiter.

Durch das dichte Blätterdach des Wasgenwaldes erhaschte sie nur gelegentlich einen Blick auf die Burg, die auf der Spitze des Kegelberges lag. Sie trug den unheilvollen Namen Drachenfels, und Irmengard hatte keinen Zweifel daran, dass sie dort ihre Tochter finden würde. Woher sie es wusste, vermochte sie nicht zu sagen. Ihr war so, als hätte sie bereits einmal davon geträumt …

Wie sie den Hang zwischen alten und jungen Buchen emporstieg, spürte sie plötzlich einen Schmerz in ihrem Fuß; oder vielmehr die Erinnerung an einen Schmerz. Wie versteinert hielt sie inne, ihr nackter Fuß schwebte in der Luft, und vor sich sah sie einen besonders spitzen Stein aus dem Waldboden hervorbrechen. Behutsam setzte sie ihren Fuß daneben auf, setzte ihren Weg mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend fort.

Bald erreichte sie einen kleinen Bach, und der Anblick dieses beschaulichen Fleckens trieb ihr die Tränen in die Augen. Sanft plätscherte er vor sich hin, floss über herabgefallene Äste und Zweige hinweg, während im Wind die jungen Buchen verträumt säuselten. Bis zum Tage des Jüngsten Gerichts hätte sie in sich gekehrt an diesem Ort des Friedens verweilen können, und hätte es vielleicht sogar getan, die Welt vergessend und nur auf Knien diese urtümliche Schönheit der Natur anbetend; da ertönte über ihr und überall um sie herum das schrecklichste Geräusch, das sie je gehört hatte. Es war das finstere Grollen einer vergessenen Gottheit, das Kreischen eines bösen Tieres mit sieben Häuptern. Die Buchen zitterten, der Boden bebte und der Bach verstummte mit einem Schlag. Stille herrschte, die nur von Irmengards leisem Wimmern durchbrochen wurde.

Ein weiterer Schrei wurde ausgestoßen, ein dritter und ein vierter, aber diese waren weniger machtvoll, sie waren kümmerlich und voller Angst. Es waren die Schreie kämpfender, sterbender Männer.

Hastig watete sie durch den Bach hindurch, kletterte eine Mulde hinauf und fand sich auf weitem Felde wieder. Ihre Augen schmerzten, als ein gleisendes Licht die Nacht erhellte. Feuer, Feuer überall. Gewaltige Gestalten mit schwarzen Fledermausschwingen erhoben sich auf dem Feld oder fegten über den brennenden Himmel hinweg. Es war wahr, es war alles wahr! Es war kein Traum.

Sie sah die Männer des Grafen, die sich mit Schwertern und Äxten und Speeren bewehrt gegen die Brut des Drachen verteidigten. Die meisten dieser Bestien waren recht klein, kaum größer als ein großer Hund, aber ein paar vereinzelte übertrafen die anderen Geschwister bei weitem. Größer noch als Pferde bäumten sie sich vor den Recken auf, die nur noch der Mut der Verzweiflung auf den Beinen hielt. Über allem thronte auf rotem Felsen die Burg des Drachen, die selbst entflammt war und wie ein Feuerauge auf das Schlachtfeld herabblickte.

Mit alledem wollte Irmengard nichts zu tun haben. Sie würde einen anderen Weg finden müssen, doch gerade als sie Kehrt machen wollte, kam aus dem Nichts flatternd und fiepsend eines dieser Echsenwesen auf sie zugesprungen. Sein Maul war mit messerscharfen Zähnen gespickt, die sich in ihren Arm gruben und eine tiefe Wunde hinterließen, dampfendes Blut spritzte aufs Gras. Panisch stach sie auf das schreiende Wesen ein, das keine Arme besaß, nur zwei weitgespannte Flügel und mit Krallen bewehrte Füße. Ihr Messer war stumpf, aber mit Gewalt trieb sie es in die glitschigen Halsschuppen der Echse, die so weich waren wie der unterentwickelte Panzer einer Käferlarve. Wieder und wieder stach sie zu, das Gekreische der Echse überschlug sich zu einem widerlichen Krächzen, ihr heißer Atem brannte in Irmengards Augen.

Endlich sackte das Biest über ihr zusammen. Ihr Körper schüttelte sich vor Ekel, als sie die Echse von sich warf. Atemlos starrte sie in die Nacht, da erblickte sie den schönen Chael. Der Sohn des Schmieds schwang sein Schwert ohne jede Kunstfertigkeit. Woher er es hatte, blieb Irmengard ein Rätsel, aber er führte es nicht weniger tapfer als die anderen hier versammelten Recken. Das Ungetüm, dem Chael gegenüberstand, war das schrecklichste von allen. Bedrohlich bäumte es sich über ihm zu seiner wahren Größe auf, ein markerschütterndes Gebrüll drang aus seinem Rachen. Er schnappte nach Chael, der gekonnt zur Seite auswich und sein Schwert wie eine Axt herabschnellen ließ. Getroffen krisch der Drache auf, Blut und Feuer strömten aus der Wunde und versengten das Gesicht des Tapferen.

Ein Krieger stürmte an Irmengard vorbei, den Speer zum Stoß bereit in die Höhe gereckt. Furchtlos stürzte er sich auf den Drachen, da kam aus dem Hinterhalt ein weiteres Echsenbiest gesprungen. Mit seinen Krallen durchbrach es sogar den stählernen Harnisch, schreiend vor Schmerz ging der Mann zu Boden. Schnaufend kraxelte er über den Boden, wollte sich gerade aufraffen, da schnappte das Maul der Bestie zu und riss ihn in die Höhe. Entsetzt sah Irmengard mit an, wie der Drache zubiss und den Rumpf des Mannes verschlang. Seine Beine, die bis eben noch hilflos umhergezappelt hatten, klatschten ins Gras.

Diesen Kampf konnten sie nicht gewinnen. Irmengard fuhr in sich zusammen, rief in Gedanken nach dem strahlenden Rittersmann, der kommen und sie alle retten würde. Wie um sie auszulachen peitschte ein finsterroter Blitz über die Burg hinweg. Niemand kam zu ihrer Rettung, doch sie würde nicht verzagen. Der Herrgott hatte ihr ein tapferes Herz gegeben, und sie würde kämpfen bis zum Schluss.

Mehrere Echsenkinder kamen auf sie zu. Wäre die Lust auf frisches Fleisch ihnen nicht ins Gesicht geschrieben, sie wären eigentlich recht niedlich anzuschauen gewesen. Mit einem hungrigen Fiepsen, das an frischgeschlüpfte Hühner erinnerte, tapsten sie ungeschickt näher.

„Irmengard!“, rief Chael, der sie erst jetzt erkannte. Der Drache schnappte nach ihm, aber der Schmiedesohn tauchte geschickt unter diesem Angriff hindurch, beachtete das widerliche Ungetüm nicht weiter. Hastig sprang er über die kleineren Drachen hinweg, enthauptete einen von ihnen im Lauf, und rannte auf Irmengard zu. Die Drachen quietschten wie plattgetretene Küken, als Chael sie der Reihe nach niederschnitt.

„Komm!“, rief er und fasste sie am Handgelenk, doch es war bereits zu spät. Der große Drache kam auf sie zugeschritten, die Flammen der Vergeltung loderten in seinem Maul. Gerade, als er eine wahre Feuersbrunst über den letzten noch lebenden Menschen von Busenberg entfesseln wollte, donnerte abermals dieser gräßlich grollende Schrei über den Nachthimmel hinweg. Er war derart schrecklich, dass sogar die Drachen allesamt zusammenzuckten. Wie ein Wolkenbruch hallte er noch lange nach, und als er schließlich verklungen war, breiteten die Drachen ihre Flügel aus und erhoben sich in die Lüfte. Ungläubig sahen die beiden mit an, wie sie davon flogen und bedrohliche Kreise um die Burg zogen.

„Bist du verletzt?“, fragte Chael, als er sich wieder gefasst hatte. Nach dem Tod ihres Mannes hatte er ihr immer schöne Augen gemacht, wenn er sie beim Wasserholen am Brunnen getroffen hatte. Jetzt waren seine Augen feucht und formlos wie ein aufgewühlter See. Ohne zu zögern schnitt er sich einen Fetzen von seiner Tunika und verband damit ihre Wunde. Der Schnitt war tief und Irmengards gesamter linker Unterarm wie von einer roten Kriegsbemalung überzogen.

„Drachen“, murmelte Irmengard, die noch immer nicht den Blick von den am Himmel schweifenden Ungetümen abwenden konnte, „leibhaftige Drachen. Gott steh uns bei.“

„Gott und Herr Jesus und alle ihre Erzenengel“, pflichtete Chael bei. „Wenn wir sie je gebraucht haben, dann jetzt. Denn diese Drachen waren nichts als eine harmlose Vorhut gewesen. Der echte Drache, das große Tier, ist erwacht, die sieben Siegel sind gebrochen …“

„Das große Tier“, wiederholte Irmengard. „Hast du ihn gesehen? Den Drachen?“

Chael nickte. „Seine Schwingen verschluckten den Mond, als er sich erhob und empor zur Burg flog.“

„Die Burg …“

Schlagartig verfinsterte sich seine Miene. „Der Graf und seine Männer sind dorthin. Ich fürchte um ihr Wohlergehen.“

„Fürchte nicht um diese Schweine“, sagte Irmengard mit einem bösen Auge und erhob sich. „Ein Tod im Feuer ist noch zu gut für sie.“

„Warte!“ Chael hielt noch immer ihren Arm fest. „Du willst doch nicht etwa …“

„Ich muss. Immi ist dort oben.“

„Deine Tochter? Aber wie … woher willst du das wissen?“

„Ich habe es im Traum gesehen“, sagte sie und riss sich los. „Du kannst mich nicht aufhalten. Ich muss.“

Mit einem lauten Glucksen schluckte Chael jede Furcht in sich hinunter. Er nickte schwerfällig, griff nach seinem Schwert und erhob sich. „Dann werde ich dich begleiten.“

Am Ende des Feldes erreichten sie einen alten Pfad, der empor zur Burg führte. Mit jedem weiteren Schritt wurde es wärmer und wärmer um sie herum, bis die Bäume zu brennen begannen und sich binnen weniger Augenschläge in Asche auflösten. Die Burg, die einst von prächtigen Buchen umringt wurde, stand jetzt auf kargem Felsen einsam in der Nacht, umgarnt nur von Flammen und besungen vom Gebrüll der Drachenbrut. Knochen der Vergangenheit wälzten sich aus rissigen Steinscharten heraus, grinsten sie verwegen an oder streckten hilfesuchend eine Hand nach ihnen aus. Ein Weg, gepflastert vom Tod, führte sie empor.

Vor ihnen erhob sich der Torturm. Der Durchgang glühte wie das Innere eines Schmiedeofens. Um das Tor verteilt lagen, zerstückelt und zerschmolzen, die Überreste der gräflichen Streiter. Noch jetzt verzog Irmengard voller Hass das Gesicht, als sie sein Wappen mit dem Drachen darin erkannte.

Über eine steile Treppe betraten sie die Vorburg. Der Hof war ebenfalls das reinste Schlachtfeld. Ein gerüsteter Krieger mit Brustharnisch wankte auf sie zu, streckte noch die Hand nach ihnen aus, ehe er niederfiel und sich nicht mehr regte. Als er bäuchlings vor ihnen lag, erkannten sie, dass eine ungeheure Macht seinen gesamten Rücken samt Stahlpanzer aufgesprengt hatte.

Vor einer eingestürzten Mauer fanden sie schließlich den Grafen persönlich. Sein linkes Bein war verschwunden. Nicht zerquetscht, nicht abgetrennt, sondern einfach gänzlich verschwunden. Geblieben war ihm nur ein blutiger Stumpf. Auch darüber sah sein Körper nicht sonderlich besser aus. Irmengard glaubte, einen zersplitterten Rippenknochen zu erkennen, der sich seinen Weg durch die Brust hindurch gebrochen hatte. Als er die Frau erkannte, lächelte er gehässig.

„Irmengard“, sagte er. „Deinen Namen höre ich heute nicht zum ersten Mal. Ich wusste immer, dass du das Weib des Teufels bist.“

Voller Hass blickte sie auf ihn herab, während Chael bedrohlich seine Klinge hob.

„Lass ihn“, sagte sie. „Soll er in seiner eigenen Lache versauern.“

Zögerlich drangen sie tiefer in die Burg hinein. Beide waren getrieben von der Liebe, nur Irmengard hatte Chael etwas vorraus. Sie wusste, wo sich das Herz des Drachen befand, wusste von seiner großen Schwäche für alles Weibliche.

„Du musst das nicht tun“, sagte sie, als sie vor dem Hauptturm angekommen waren. Mit milden Augen forderte sie ihn auf, einfach umzukehren und anderswo ein neues Leben zu beginnen.

Chael ergriff ihre Hand, nur ganz kurz, und für diesen einen Augenblick war er wieder der alte lieblächende Jüngling aus dem Dorf. „Ich lasse dich nicht allein.“

Wie um dieses Zeugnis der Zuneigung zu verspotten wurden die Tore des Turms von einem Donnerhall aufgestoßen. Einher mit diesem Donnerhall vernahmen sie laut und deutlich eine grollende Stimme: „I R M E N G A R D!“

Der Wind ließ ihre Locken flattern, war eisig und brannte doch auf ihrer Haut. „Er wartet auf mich.“

Abermals blieb Chael nichts übrig, als seine Angst zu schlucken und seinem Herzen zu folgen. Die Liebe, wie sie von den Minnesängern beschworen wurde, gab ihm ungeahnte Kräfte. Sein Tritt war sicher, sein Tritt war fest, als er die erste Stufe empor zum Turm nahm.

Das Gemäuer war alt und stickig, der Geruch von verbranntem Fleisch schlug ihnen entgegen. Wieder und wieder fielen sie der Finsternis anheim, die stoßweise von einem bedrohlichen Glühen vertrieben wurde. Fuß an Fuß, Schulter an Schulter, Herz an Herz drangen sie tiefer, als das Glühen zu einem blendenden Lodern heranschwoll.

Irmengard fühlte nur noch, wie Chael sie beiseite stieß. „Chael!“, schrie sie, doch ihr Schrei verblasste im Dröhnen der Feuersbrunst. Sein Gesicht verwandelte sich in eine furchtverzerrte Maske, in einen schwarzgetauchten Schemen, bis sich seine Züge gänzlich auflösten. Als die Flammen versiegten, war von Chael dem Schmiedesohn nichts geblieben als ein elendes Häufchen Asche. Entgeistert starrte sie auf auf den rußgeschwärzten Flecken herab, bis das Grollen ihres Namens abermals aus den Eingeweiden der Burg an sie herandrang.

„I R M E N G A R D!“

Weinend erhob sie sich, als ihr ein Funkeln auf dem Boden auffiel. Chaels Schwert lag unversehrt auf seiner Asche. Sie hob es auf, unfähig, es wirklich anzuheben, und trat dem Drachen gegenüber.

Vor ihr lag ein weiter Raum mit hohem Gewölbe. Entgegen aller Erwartung war er wohnlich eingerichtet. Statt unerträglicher Hitze herrschte hier wohlige Wärme, und der Gestank verbrannten Fleischs war zarteren, angenehmeren Düften gewischen, erweckte einen Anklang an das Zusammenspiel von Regen und trockener Erde. Dann erblickte sie, auf einem rotgepolsterten Sessel vor dem Kamin in steifer Haltung sitzend, ihre Tochter.

„Immi!“

Das Kind war alt genug, als Frau zu gelten, und doch würde Irmengard in ihr nie etwas anderes als ihre liebe, kleine Tochter sehen. Sie stolperte auf sie zu, fasste sie in ihre Arme und benetzte ihren schneeweißen Hals mit heißen Tränen.

„Was hast du nur?! Sag doch was!“

Irmengard die Jüngere blickte in die Flammen des Kamins, blickte in die Leere. Ihr ganzer Körper war so starr wie eine Eissäule, und doch ging eine ungewöhnliche Hitze von ihr aus. Allein die Berührung ihrer Hand schmerzte die Mutter so sehr, dass sie diese nicht lange aufrechterhalten konnte.

„Dem Kind mangelt es an nichts“, erklang plötzlich eine tiefe Stimme. Grollend, und doch geheimnisvoll und betörend. „Du hast mein Wort.“

Aus den Schatten kam ein wahrer Edelmann getreten. Hochgewachsen und von vornehmer Haltung, lange Seide das schwarze Haar. Gekleidet war er in feinstes Brokat, in das mit Goldfäden ein Flammenmuster eingearbeitet war. Darunter blitzte leichenblasse Haut hervor, die stellenweise von bronzefarbenen Flecken überzogen war.

„Wer bist du?“, fragte Irmengard, die beim Anblick dieses Mannes jeden Hass und jede Furcht und jedes noch so innigerlebte Gefühl vergaß.

„Du weißt es.“ Sein Ausdruck war geradezu despektierlich, ein Schelmenschmunzeln entstellte und erhellte seine Züge zugleich. „Erinnerst du dich nicht daran, wie wir gemeinsam geflogen sind?“

„Es war nur ein Traum, es waren nur Träume …“ Sie sagte das nicht aus Überzeugung.

Die Mundwinkel hüpften zu einem Lächeln herauf. „Aber es war mein Traum. Mein Traum, den ich dir geschickt habe. Weil du meine Auserwählte bist.“

„Auserwählt? Wozu?“

„Du weißt es.“

Alle Wärme, die noch in Irmengards Körper gespeichert war, sank plötzlich herab und glühte mit nie gekannter Inbrunst zwischen ihren Schenkeln. Kalt waren ihre Wangen, kalt war ihr Herz, aber Feuer war ihr Verlangen.

„Du willst meine Liebe?“, fragte sie und fühlte, wie der Hass in sie zurückkehrte. „Wie könnte ich ein solches Wesen lieben, das nichts als Zerstörung für die Welt bereithält? Wie könnte ich jemanden lieben, der meine eigene Tochter an sich reißt, nur um an mich heranzugelangen? Ein solches Ding wie dich kann ich niemals lieben.“

„Nicht Liebe“, sagte der Drache und vollendete das Lächeln zu einem boshaften Grinsen. „sondern Unterwerfung allein ist es, wonach ich verlange. Unterwirf dich mir und dein Kind soll so frei sein wie der Wind.“

Der Handel wurde vollzogen, wie von allein, wie von höherer Macht erzwungen. Irmengard lag dem Drachen zu Füßen und hörte noch das eisige Klirren von Chaels Schwert, das auf den Steinplatten aufschlug. Sie sah noch, wie das Gemäuer der Burg in sich zusammenfiel, wie ein aschetragender Wind die Glut durch eine schwarze Nacht peitschte, wie die Züge ihrer Tochter rissig und spröde wurden und wie sie sich auflöste in diesem Wind.

Bahnhof, irgendwo am 1. Mai 2992 AD

Als der Reisende erwachte und weder wusste, wo, noch wann, noch wer er war, bekam er es mit der Angst zu tun.
Laut und hektisch war es überall um ihn herum. Pfeifen wurden gestoßen und zischende Züge rollten mit Donnergetöß von Gleis zu Gleis. Überall drückten sich die Menschen aneinander vorbei und bildeten ein undurchdringliches Gewirr aus Formen und Farben. Es waren Menschen aller Herrenländer, große und kleine, dicke wie dünne, alte und junge. Schreiend und suchend stürzten sie umher.
Der Reisende hatte Mühe, sich von dem stählernen Korbgeflecht zu erheben, auf dem er saß. Kalt war diese Bank und unbequem. Wie hatte er nur so lange darauf schlafen können? Andere Reisende dösten ebenfalls auf dieser oder ähnlichen Banken, die über das ganze Gleis verteilt standen. Weder zu seiner linken noch seiner rechten konnte der Reisende das Ende dieses Gleises vernehmen, nur Menschen und Schilder und Treppen und Züge. Der gegenüberliegende Bahnsteig, Gleis 8328, der Beschriftung nach zu urteilen, war ein exaktes Ebenbild seines eigenen Bahnsteigs. Dahinter schloss sich noch ein weiterer Bahnsteig ein und dahinter ein weiterer und dahinter ein weiterer und immer so fort, so weit sein müdes Auge fähig war, das Halbdunkel aus Neonlichtern zu durchdringen.
Bei sich trug der Reisende nicht viel. Eine lederne Tasche und einen grauen Mantel am Leib. An seinem Handgelenk hing eine schnörkellose Uhr, aber deren Zeiger waren krumm und das Ziffernblatt verschwommen.
„Sind Sie Herr Körner?“, fragte ihn plötzlich eine Stimme. „Stehen Sie auf!“
Dem Reisenden klang dieser Name nicht vertraut, aber der fremde Mann deutete auf eine beschriftete Bandschnalle, die an seinem Reisemantel hing.
„Ich bin Herr Forsch. Nun los, stehen Sie bitte auf!“, drängte der fremde Mann namens Herr Forsch.
Endlich schaffte es Herr Körner, sich zu erheben, aber seine Beine waren taub und wackelig.
„Lernen Sie laufen“, riet Herr Forsch, „das ist ein guter Anfang.“
Herr Körner machte ein paar Schritte, und während er an Gepäckstücken und verlorenen Gesichtern vorbeistolperte, dachte er über die ihm entfallenen Umstände seiner Anwesenheit an diesem Ort, des momentanten Zeitpunkts und seiner Person nach. Nichts davon wollte ihm wieder einfallen, aber ein wichtiges Detail machte sich mit schmerzender Dringlichkeit in seinem Geist bemerkbar: er musste seinen Zug erreichen! Verzweifelt schaute er sich um.
„Das ist ja ein verfluchter Irrgarten“, jammerte Herr Körner und wandte sich an Herrn Forsch. „Können Sie mir sagen, wo und wann mein Zug abfährt?“
„Ha! Jeder hier muss seinen Zug erreichen. Glauben Sie denn, Sie seien etwas besonderes? Genaugenommen bin ich gerade deshalb zu Ihnen gekommen, weil man mir versicherte, Sie könnten mir helfen, meinen Zug zu erreichen. Also los, spucken Sie’s schon aus, ich hab es eilig!“
„Es tut mir Leid, aber ich weiß absolut nicht, wie ich Ihnen weiterhelfen könnte.“
Herr Forsch verlor das bisschen an Geduld, das ihm noch geblieben war, und fiel über den Reisenden her, krempelte jede seiner Manteltaschen um und durchsuchte das kleine Täschlein, das Herrn Körner mit auf den Weg gegeben war.
„Nichts, wieder nichts!“, donnerte Herr Forsch. „Man hat mich wieder einmal reingelegt!“
„So warten Sie doch“, rief Herr Körner dem abziehenden Herrn Forsch hinterher. „Wo finde ich denn nun meinen Zug?“
„Studieren Sie die Pläne!“, erwiderte Herr Forsch, indem er sich noch einmal umwandte. „Mir hat es nicht geholfen, aber vielleicht haben Sie ja Glück!“
Verloren und verlassen, wie alle Reisenden an diesem Ort, schlurfte Herr Körner zu einem der umwimmelten Schaukästen, in denen die gelben Pläne mit den Abfahrtszeiten aushangen. Ein ganzes Leben oder gar mehr hätte man mit dem Studium jenes Plans verbringen können. Ohnehin fiel es ihm schwer, einen genauen Blick über die anderen Reisenden hinweg auf den Plan zu werfen, aber als er das Monster aus Tabellen und Diagrammen und Formeln und Algorithmen für eine Weile seziert hatte, verließ ihn gänzlich die Hoffnung. Auf diesem Plan standen einzig und allein die Abfahrtszeiten der Züge dieses Gleises!
„Bahnsteig 38292zzab!“, geiferte ein altes Mütterchen durch ihren zahnlosen Mund, eine zerbrochene Brille auf der Nase und Wahn in den Augen. „Da kommt ein Zug, der uns zu Gleis 9439 bringt, und dort müsste dann unserZug kommen!“
„Du bist vielleicht ein altes Scheuerweib!“, blökte ihr Gatte zurück, ein Mann mit grauem Haar und hübschem Melonenhut. „Nie im Leben steige ich in diesen Zug, dann verpassen wir unseren Zug ja ganz sicher! Ich sage, wir bleiben hier und studieren weiterhin den Plan!“
Herr Körner wurde derweil von einer Horde Neuankömmlinge verdrängt und konnte sich gerade noch in Sicherheit begeben, denn in ihrem Ansturm auf die Abfahrtspläne gingen sie derart rücksichtslos vor, dass sie das arme alte Pärchen und andere am Schaukasten zu Tode quetschten.
Verzweifelt wanderte Herr Körner weiter am Gleis entlang. Egal, wohin er blickte, überall sah er das Gleiche, also stieg er eine der vielen Treppen empor und fand sich in einer weitläufigen Bahnhofshalle wieder. Auch hier schlängelten sich die Menschen in Scharen aneinander vorbei, ohne jeden Anstand und ohne jede Rücksicht, aber hier war es weniger beengt als auf den Gleisen und bei weitem nicht so düster. Über sich sah er große, gewölbte Fenster, hinter denen ein milchigweißer Himmel zu vernehmen war, gleichförmig und endlos und ohne ein Zeichen der Sonne. Ferner gab es oben unzählige Geschäfte und Läden, kleinere Stände und Fressecken, Cafés und gutbesuchte Fast Food Restaurants. Aber niemand nahm sich die Zeit, sich zu setzen. Alle aßen nur um Stehen und im Gehen. Auf den Stühlen und Bänken schliefen die Reisenden, die noch nicht wussten, dass sie verloren waren.
„Halt, stehenbleiben!“, rief ein Mann in blauer Uniform und roter Schirmmütze. „Was glauben Sie eigentlich, wo Sie hingehen?“
„Ich … ich muss meinen Zug erwischen!“
„Na, da sind Sie nicht der einzige. Wenn Sie die Halle durchqueren wollen, müssen Sie aber erst einmal einen Dienst verrichten.“
„Was für einen Dienst denn?“
„Irgendeinen halt! Da hinten ist die Schlange für die Dienstsuchenden. Am besten holen Sie sich gleich einen Kaffee und eine Brezel, wenn sie anstehen, denn später haben Sie dazu gewiss keine Zeit mehr.“
In seiner ledernen Umhängetasche fand Herr Körner ein wenig Kleingeld, von dem er eine Brezel und ein süßes Getränk erstehen konnte. Ungeduldig trat er in die lange Schlange, tat es den anderen Reisenden gleich und warf immer wieder einen Blick auf seine nutzlose Uhr, die nicht mehr als die Idee seiner Vergänglichkeit war. Als er endlich an der Reihe war – es mussten Tage vergangen sein – wurde er von einer unfreundlichen Frau begrüßt, die mit ihrem engen Bürostuhl geradezu verwachsen schien. Mürrisch brummend rollte sie umher, vom Drucker zum Kopiergerät und wieder zurück zum Schalter, an dem Herr Körner stand.
„Ich soll mich hier melden. Aber eigentlich bin ich auf der Suche …“
„Nach Ihrem Zug, ja, ja. Da kann ich Ihnen nicht helfen“, sagte die Frau und stempelte eine Dienstkarte sowie eine ganze Reihe an amtlich anmutenden Dokumenten für Herrn Körner. „Nehmen Sie die Formulare A38, G91 bis H7 und sicherheitshalber A38b und melden Sie sich bei Herrn Spieß an Schalter 99. Ausweis nicht vergessen! Der Nächste!“
Herr Körner tat wie geheißen, meldete sich bei Herrn Spieß, bekam Uniform, eine Schippe und eine lange Zange zum Müllsammeln ausgehändigt und ehe er sich versah, waren sieben Jahre vergangen. Sein Zug, das wusste er, das wusste jeder, war noch nicht abgefahren. Da war immer dieses brennende Gefühl in ihm vorhanden. Dass die Zeit zwar allmählich knapp wurde, aber dass er noch immer ein bisschen Zeit hatte. Ein bisschen länger, nur noch ein bisschen länger.

Noch hatte er also Zeit, das verworrene System dieses Bahnhofs zu hintersteigen und rechtzeitig ans rechte Gleis zu gelangen. Je mehr Zeit er auf dem Bahnhof verbrachte, desto mehr Menschen lernte er kennen. Die allermeisten waren fleißig und strebten danach, den Zug zu erreichen, aber es gab auch besondere unter ihnen. Da gab es beispielsweise eine Sekte, die behauptete, der eine Zug existiere gar nicht innerhalb, sondern außerhalb dieses Bahnhofs! Man könne ihn also gar nicht rechtzeitig erreichen, nicht in diesem Leben, sondern nur um Jenseits. Der Knackpunkt allerdings war – und einen Knackpunkt gab es immer! – dass man den Fahrschein schon im Diesseits einlösen musste. Um das zu gewährleisten, musste man sich an gewisse Regeln halten. So durfte man beispielsweise keine Metbrötchen bei einem der fünfzehnmillionen Bäcker der Bahnhofshalle verspeisen, man durfte nur an Werktagen arbeiten und musste an den anderen Tagen einen der Fahrpläne studieren und man musste im Laufe seines Lebens mindestens zehn andere Menschen bekehren. Auf diese Weise verbreiteten die Jünger dieser Lehre ihre Warnungen und bekehrten manch einfältigen Pinsel. Auch Herr Körner gehörte ihnen eine Zeit lang an, denn er hatte große Angst davor, was geschehen würde, wenn er im Jenseits den Zug ohne gültigen Fahrschein betreten würde.
Andere Gruppen wiederrum lachten über die Jünger dieser Lehre, denn es gab außer alten Büchern und Gerüchten vom Hörensagen keinerlei Beweis für ihre Annahmen. Diese Männer und Frauen waren wahrhaftige Freigeister! Mit Hilfe selbt gebauter Apparaturen und selbst erdachter Regelwerke vermaßen sie das winzige bisschen des Bahnhofs, das sie zu Gesicht bekommen konnten, und zogen daraus Schlüsse über die gesamte Bahnhofsfülle. Die Lichter, die man in der Ferne sah, das Geräusch der Dampfpfeifen, der bröselnde Putz an den Wänden, alles besaß eine durchschaubare Regelmäßigkeit. Herr Körner, der in seiner Zeit als Müllsammler weiterhin fleißig die Abfahrtspläne studiert hatte, verstand etwas von Zahlenkunst und Rechenspiel, und er begriff die unwiderlegbare Logik ihrer Argumente. Und die Annahmen, welche diese Männer und Frauen aufstellten, waren geradezu atemberaubend! Der Bahnhof sei unendlich groß! Der Bahnhof dehne sich aus! Der Bahnhof habe einst an einem einzigen Punkt existiert und war kleiner noch als das kleinste Kümmelkörnchen, das sie unter ihren Apparaturen observieren konnten.
Aber so schwerwiegend die Erkenntnisse dieser Herren und Damen auch waren, so bedeutungslos waren sie andererseits für Herrn Körner, denn sie verrieten nicht das geringste bisschen darüber, wann und wo sein Zug denn nun abfahren würde. Schlimmer noch, er fing sogar an, daran zu zweifeln, ob es den einen Zug überhaupt gab.
Und diese Zweifel waren ansteckend und befielen die Reisenden bald überall. Große Scharen langer Gesichter sah man nun, wie sie ziellos durch die Hallen schlurften, nicht wissend, was sie zu tun oder zu lassen hatten. Die Suche nach ihrem Zug hatten sie aufgegeben, aber nur scheinbar; denn immer dort, wo man noch vom einen Zug flüsterte und tuschelte, erhellten sich ihre Augen wieder und waren von demselben Funken ergriffen, der sie einst beseelt hatte. Aber es hielt nie lange an.
Herr Körner trottete traurig durch die Halle, reinigte die Gleise und tat, was ihm die Jüngeren auftrugen, die noch den Zug vor Augen hatten oder die an einen Zug im Jenseits glaubten. Herr Körner aber sah die Menschen sterben, ohne dass diese je ihren Zug erreicht hätten. Er sah die Jünger der Jenseitslehre predigen und sich gegenseitig gängeln. Er sah die Herren und Damen auf ihrer endlosen Suche nach Wahrheit immer weiter vorrandringen, aber den Zug fanden sie nicht. Er sah die Jungen und Alten auf ihren tausend verschiedenen Wegen ins Grab. Er sah die krummen Zeiger seiner Uhr und er wusste, dass sein Ende bevorstand. Und er sah einen Mann auf einer Stahlbank sitzen, aber dieser Mann schlief nicht, dieser Mann hatte hellwache Augen und ein liebliches Lächeln umspielte seine Lippen. In seiner Verzweiflung setzte sich Herr Körner zu ihm.
„Hast auch du es verstanden?“, fragte der wache Mann.
„Was verstanden? Dass man den Zug nicht finden kann?“
„Nein“, sagte der wache Mann. „Das meinte ich nicht. Hast du aufgeben, den Zug zu suchen?“
„Nein“, sagte Herr Körner mit einem Schulterzucken. „Aber ich habe die Hoffnung verloren, ihn jemals zu finden.“
„Ein gewaltiger Unterschied. Und doch spielt es keine Rolle.“
„Was spielt keine Rolle?“, fragte Herr Körner.
„Sieh die Menschen“, sagte der wache Mann mit weiter Geste. „Sieh, was sie tun. Manche plagen sich ein Leben lang, den Zug zu finden. Manche glauben an Märchen, manche hinterfragen diese. Manche sammeln Müll und manche stehen in einer langen Schlange. Unter jedem von ihnen gibt es einen kleinen Teil, die lächelnd ihre Tätigkeit verrichten, und weißt du, weshalb sie lächeln?“
Herr Körner schüttelte den Kopf, starrte in die unergründlichen Augen dieses Mannes.
„Sie lächeln, weil sie begriffen haben, dass es keine Rolle spielt, was sie tun.“
„Sie haben begriffen, dass man den Zug nicht erreichen kann“, befand Herr Körner und blickte auf seine Uhr, deren Zeiger sich aufzulösen begannen.
„Nein“, sagte der wache Mann und sein Lächeln wurde breiter. „Sie haben das verborgen Offensichtliche begriffen, den sinnfreien Widerspruch, das unerhört Unsinnige, das undenkbare, alles Leid auflösende Geheimnis. Sie wissen es und darum müssen sie nicht nach dem Zug suchen und können tun, wonach ihnen der Sinn steht. Ich weiß es auch. Willst du es wissen? Soll ich es dir verraten? Oder bist du bereits dabei, es selbst zu erkennen?“
Herr Körner blickte empor und fühlte die Bewegung des Bahnhofs, von der er und sie alle getragen wurden. „Der Zug und der Bahnfhof“, murmelte er grinsend, „sind ein uns dasselbe.“
„Darum spielt es keine Rolle, was jemand tut. Ob sie nun suchen oder längst aufgegeben haben, ob sie noch Hoffnung in sich tragen oder nur Verzweiflung, es spielt keine Rolle, denn sie alle haben den Zug längst gefunden. Glücklich sind wahrhaft jene, die es herausgefunden haben und ihre Zeit an diesem Ort genießen, anstatt mit einem falschen Ziel herum zu irren, Geld zu sammeln und Pläne zu studieren.“
„Und was ist mit jenen Suchenden, Irrenden, Leidenden?“
„Glücklich sind in Wahrheit auch sie, nur wissen sie es eben nicht.“
„Wäre es nicht gütiger, ihnen zu sagen, dass sie den Zug längst erreicht haben?“
„Man kann es ihnen sagen, verstehen aber müssen sie es selbst.“
„Aber es muss doch einen Weg geben, ihnen zu helfen?“
„Genau das tue ich“, sagte der wache Mann, „indem ich hier sitze. Ich sitze und warte.“
„Sie warten?“, fragte Herr Körner und sah ein letztes Mal in die wachen Augen des Mannes. „Worauf?“
„Darauf, dass wir ankommen.“

Höhlenhelden, Drachenzauber

Es war einmal ein Held, ein kleiner.
Angelangt am Ende seiner Jugend
beschloss er kurzerhand,
dass ihm die Welt nicht mehr gefällt.

Was nützte all das liebe Lachen,
wenn’s wütend immer widerhallend,
zu fremden Ufern rüber schallend,
stets stecken blieb in seinem Rachen?

Der Held nämlich war freudenfern,
war Kummerkind, mit Herze schwer.
Vergoß so manchen Tränenfluss,
die hatte er im Überschuß.

Die Menschen war’n ihm überflüssig
Das Leben schien ihm zäh und müßig.
Wohin er trat, wohin er sah,
nur Schmerz, nur Leid, Jahr für Jahr. 

War denn da keiner, wirklich keiner?
Kein Erdenfreund, der Anteil nahm,
nur Diebe, Schurken, böse Neider,
kein klitzekleiner Kummerteiler,
nur Teufelsbrut und Höllenschar,

ansonsten keiner, wirklich keiner?

So warf der Held sein schweres Joch,
und grub sich selbst ein tiefes Loch,
eine Höhle, fast geschafft.
Von finstern Felsen fest umfasst.
Entfloh er aller Weltennöte.

In seiner ersten kalten Nacht,
geschah ihm Wunder-, Zaubermacht!
Blitzeslicht und Funkengrelle
erhellten schnell die hohle Höhle.

Puff – graugelockt und graugehaart,
stand da,
ein Zauberer auf seiner Schwelle.

Ein Zauberer – wie sonderbar!

Da sprach der Mann mit Haaren grau:
Dich, du Held in deiner dunklen Höhle,
hat die Welt da draußen, schöne
gerade eben noch gebraucht.

Drum hurtig, hurtig losgefahren,
zu Heldentat, ergreif das Schwert!
Schenke mir nur sieben Jahre,
der Welt zum Dienst – sie ist es wert.

Lass uns einen Drachen jagen,
fangen, foltern, endlich dann erschlagen
befrei die Welt von dieser Plage,
und schreibe deine eig’ne Sage.

Na, was sagst du? Eingeschlagen?

Der Lohn, der dir für deine Müh‘ beschieden,
sei ohne Zweifel unbescheiden.
Wissen, Reichtum, Macht und Liebe,
schlag ein – ich will’s dir nicht verleiden.

Unser Heldlein, klein und schmächtig,
fühlt sich plötzlich groß und mächtig.

Drauf gepfiffen – eingeschlagen!
Zum Schwert gegriffen – lass uns einen Drachen jagen!

Sieben lange Jahre,
vom Winde fortgetragen.
Sieben lange Jahre,
den Drachen zu erschlagen.

Sieben lange Jahre,
vergebens alle Müh‘.
Sieben lange Jahre,
den Drachen fand er nie.

Stattdessen fand er Königreiche,
von Kindeszwist entzweigerissen,
sah Birke, Buche, Eibe, Eiche,
zu Ascheklumpen niederfließen.

Sah Mensch und Tier im Widerstreit,
sah sie einander fressen,
sah Kummer wieder, Schmerz und Leid,
sah alles, was vergessen.

In hohler Hirneshöhle lacht,
der Zauberer, gar ungehalten.
Hast, tumber Tor, denn du gedacht
dass ich mein Wort tatsächlich halte?

Grau zu Schwarz und Schwarz zu Weiß,
wandelt sich der Alte,
fließt dahin, der Greis.
sich selbst neu zu gestalten.

Weiße Krallen, schwarze Schwingen,
die Brust vor Feuersbrunst geschwellt
reißt auf sein Maul, um alle Welt
samt Menschen zu verschlingen.

Der Drache ist gekommen!
Der Held wankt wie benommen!

Sein Schwert schon voller Kerben,
zerbricht zu tausend Scherben.

Alle Hoffnung ist verloren,
verwelkt, wie sieben lange Jahre.

Gleich einer Leiche liegt der Held,
zum Scheitern auserkoren,
reglos auf der Totenbahre,
derweil die Welt zu Staub zerfällt.

Doch plötzlich strebt zu höchstem Ruhme
aus Aschebett und Trümmerhaufen,
aus Menschenmatsch und Knochenstaub
eine blaue Blume.

Ihr reines Licht,
vor dem selbst die Finsternis zerbricht
strahlt hell wie tausend Sonnenwelten,
und dringt hindurch zu uns’rem kleinen Helden.

Erwacht endlich aus seinem Schlummer,
aus Grabestiefen aufgestiegen,
und sieht durch all den Menschenkummer,
die Liebe letztlich siegen.

Er wirft sich auf die Knie eilig,
entreißt dem kargen Ascheboden,
die Blume, blau und heilig,
dem Drachen wird sie feilgeboten.

Der Drache, der Liebe nie gekannt
erstarrt zu Stein und wandelt bald
von neuem die Gestalt.

Der Zauber ist gebannt.
Der langen Jahre sieben,
Hat der Zauber ihn geplagt,

Endlich hat er ihn vertrieben,
Die Nacht zerfällt zum Tag.

Zuletzt, er lächelt, unser Held.
Dies gebrochen‘ Schwert,
geb ich freudig hin der Welt.
mag sie auch selbst gebrochen sein;

sie ist es wert, sie ist es wert.

Ballade von der Kunst des Totenbeschwörens

In stiller Kammer ich sitze,
über Folianten gebeugt.
Ich denke aus, ich kritzle,
alles wird streng beäugt,
wird streng geprüft,
ob’s auch was taugt,
ob’s einer braucht;
ob’s eines Tages sich erheben kann.

Da ist etwas lebendiges,
in meinem Herzen zieht es seinen Kreis.
Ich würg es und ich kotz es aus;
tot liegt’s vor mir, schwarz auf weiß.

Wie aber nun kann man beschwören,
was kaum geboren anheimfiel schon der Nacht?
Welche Dämonen muss ich betören,
um aufzuwecken, was ich erbrochen?
Um auszusenden in die Schlacht,
mein Heer aus schwarzen Tintenknochen?

Ein häßlich Ding aus Tröchäen und Anaphern
zimmer‘ ich zusammen,
einen Homunkulus aus Jamben und Metaphern,
verbind‘ Silben mit dem Dichtersfaden,
zu Versen und zu Strophen,
zu Sätzen, ganzen, und dem ersten
Kapitel, dem zweiten und dem dritten
und jedem nur erdenklichen Stilmittel!

Aber ich vergaß:
mir fehlt die Muse für ein rechtes Maß.
Kein Metrum wird mich jemals zwingen,
will stürmisch frei die Tat vollbringen!

Chaos, heißt es nämlich,
sei die Suppe allen Lebens.
Chaos lass ich drum gewähren,
lass vom Bücherstaub die Milben nähren,
lass Maden, Spinnen, Ratten,
sich gegenseitig niederraffen,
sich begatten!

Ein Kreis aus Tod und Leben,
aber nicht ich hat‘ ihn geschaffen!

Nein, im Chaos ist es nicht zu finden,
so gilt wohl doch der gegenteilige Gedanke.
In Ordnung (pah!) muss ich mich drum binden,
und greif zu Zirkel und Sextanten,
um klar zu messen jene Kraft,
die in uns wirkt und Leben schafft.

[Verzweifelt such ich fader Geisterfänger,
in starrer Ordnung Leben auszusäen. 
ein traurig Lied vom Werden und Vergehen.
So höre das Sonett des Totensängers.

Doch will es nie gehorchen meinem Herzen,
wie könnt mit Tod auch Tod ich überwinden?
auch in der Ordnung ist es nicht zu finden,
des Rätsels Lösung will mich niederwerfen!

Dem Scheitern trotz ich weiterhin voll Eifer,
am Ende wird es mir gewiss gelingen,
erhebe mich und werde größer, reifer .
Geheimes Wissen werd ich bald schon finden!

So such die Antwort ich und ziehe weiter,
und werd den Tod ins Leben schon noch zwingen. ]

Pah, widerlich …

dieses strenge Strophenstammeln,
das Leben in seinen wilden Bahnen,
lässt sich doch nicht sorgsam planen!

Wenn meine ureigene Kraft,
die Worte nicht vom Tod befreit,
dann ruf ich jetzt, aufgepasst,
die Geister der Vergangenheit!

Denn eines weiß ich ohne Frage:
die hohe Kunst der Nekromanten,
gelang vor mir schon vielen and’ren,
drum will ich sehen, wie sie’s taten!

Also Leichenfledderei …
der alte Goethe hat’s gekannt,
das große Geheimnis, ei ei ei,
Knochensäge; sei zur Hand!

Auf Brettern liegt nun,
von Blut und Tinte rot und schwarz getränkt,
der Leib des alten Meisters nieder.
Verächtlich blick ich auf ihn herab,
studier‘ ihn, wieder und wieder.
Was hat er denn, was ich nicht hab?

Knochen und Geweide bersten,
unter meinem Messersblick.
Der Werther, Götz, und Faust, der erste
schneid‘ Augen raus und breche ein Genick.

Enthüll, was du in deinen Därmen mir verbirgst!
Heraus damit! Würg, igitt!
Was klebt an meinen Händen?
egal; wer gut sein will muss Leichen schänden!

So sehr ich wühl, so sehr ich stech,
die Regung nie zugrunde geht.
Was ich auch tu, was ich auch brech,
es lebt, es lebt!

Gesülze, Geflenne, Gefühle,
vom Dichtersfaden gebunden, verwebt.
Ich seh die Wunden, die Narben,
aber … ES LEBT!

Aber wie kann es sein,
dass diese fremden Charaktere
allein durch meines Blickes Segen,
sogleich beginnen sich zu regen,
während alle meine Werke,
ohne Atem, ohne Kehle,
wo ich doch so redlich strebe,
nie eine Geburt erleben?!

Wie kann es sein,
dass dieser schwarze Tintenbrocken,
des Todes ewig‘ Joch gebrochen,
während alle meine Kinder,
ohne Leben, ohne Seele,
wo ich doch mein Herz hingebe,
niemals … niemals sich erheben?

Steh auf, du Ding, du totes!
Ich rufe, ich beschwöre dich!
Dein Schöpfer hat dir was befohlen!
So steh doch auf … verlass mich nicht!

Und es schaut der hohe Meister,
streng herab gleich einem Richter,
höhnisch feixen seine Geister,
während für den toten Dichter,
Reim um Reim und Stanz um Stanze,
seine Texte frech und heiter,
dem Tode trotzend weitertanzen!

Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister

Schreck, und wieder hebt sich einer!

Hilflos fang ich an zu fluchen,
als plötzlich die Erkenntnis keimt:
ich war’s doch, der dich gerufen,
und ich werd’s sein, der dich verneint!

Beschworen hab ich dich, du Geist,
der mein Herz seit je gekannt!
Jetzt zeig ich das geheime Zeichen:
fort du Meister, sei gebannt!

Stille, plötzlich,
Stille, ich begreif‘s!

Es galt schon in der alten Zeit:
die hohe Kunst des Nekromanten,
liegt nicht im Ich, sie liegt im and’ren!
Sie liegt im Du, im fremden Geist!

Nur fremdes Auge kann vollbringen,
dass tote Tinte sich erhebt,
nur in fremdem Ohr kann’s neu anklingen,
und hören, ob’s tot ist noch oder schon lebt

Wenn Goethe stößt auf Ohren taub,
dann sammelt selbst der Gott nur Staub,
in seinen Eingeweiden steckt dann eben
keineswegs ein Eigenleben!

Erst durch unser Aug, das sehend,
freudebebend sich ergebend,
es durchdringt mit purem Leben,
mag es wieder auferstehen.

Ohne uns ist Goethe nur,
ein Geist vergangener Epochen.
Und ohne euch ist selbst der Faust
nur eine Truppe toter Tintenknochen.

Irgendwann bin auch ich ein hoher Meister,
von diesem Ziel werd ich nicht weichen.
Bis eines Tag’s ein junger Streiter
sie zerfleddert, meine Leiche.

Bis dahin aber, so sieht’s aus,
bleib ich daheim und wühl‘ im Faust.

Fleischeslust

An alle Öko-Diktatoren:
ihr habt mir echt den Appetit verdorben!

Nur weil ich alle Jubeljahre
zu McDonalds, KFC oder Burger King fahre,
bin ich gleich ein schlechter Mensch?

Außerdem, ich stimm euch zu:
zu viel Fleisch is auch nicht gut.
Ich ess ja selber nur ganz wenig …

mal ab und zu n‘halbes Hähnchen,
beim Bäcker lecker Fleischkäsbrötchen,
Pizza, Burger oder Döner,
sind ja eh nur halb so schlimm,
da is ja viel Gemüse drin.

Höchstens mal bei Freunden
oder unterwegs,
ne Packung Crispy Bacon Flakes,
in Uni-Mensa und Kantine,
ist das quasi schon Routine;
es gibt ja auch kaum Auswahl dort.

Außer vor nem halben Jahr,
da gabs sogar nen Veggie-Tag!
Ja gut, da war ich grad nicht da …
war bei Mutti eingeladen,
lecker Knödel und Rouladen,
sonst wär ich auch mal hingegangen,
bin ja schließlich unbefangen.

Doch ihr seht ja schon:
ich ess kaum Fleisch.
Und wenn ich alle hundert Jahre
dann mal ein Rindersteak verdaue,
kommt es, das steht außer Frage,
von meinem Metzger des Vertrauens.

Der passt auf seine Tiere auf,
oder der Bauer von dem er’s kauft.
Irgendeiner wird’s schon tun …
In Deutschland gibt es noch Gesetze,
hohe Strafen, sollte man sie verletzen.

Fünfmal täglich kommt der Tierschutz
und findet er ein Quäntchen Schmutz,
wird der Laden zwangsgepachtet,
jede Sau notgeschlachtet,
damit sie nicht mehr leiden muss.

Außerdem gibt’s, wie ich finde,
hunderttausend gute Gründe,
auch weiterhin sein Fleisch zu essen.

Der erste lautet: Tradition!
Es galt in grauer Vorzeit schon,
das alte Gesetz auf uns’rer Erde
vom Fressen und Gefressen werden.

Und Traditionen, die sind wichtig,
erweisen sich auch nie als nichtig.
Fehler ham wir nie begangen!
Frauen hatten Rechte, durften wählen,
Sklaven hat es nie gegeben,
in Herkunfts- und in Glaubensfragen waren wir
stets und immer unbefangen.

Bedenke außerdem, der du das Bodennreich
nach Nährstoffen durchwühle:
Pflanzen haben auch Gefühle!
Du Spargelschäler, Erbsenquäler,
Möhrenmörder, Bohnentöter!
Das ist doch keine Linsenweisheit:
das was du da kaust,
trägt bei zu einem Holokraut!
Ein Genozuccini sondergleichen!
Ein Pastinaken-Massaker,
begangen von Horden wilder Veganervandalen,
die abertausend von Tomaten-Soldaten
aufknüpfen an einem Galgen aus Algen,
verwursten und dann in Massen-Salaten begraben!

… welcher Lauch,
ist euch Veganern eigentlich
über die Leberwurst gelaufen?

Euren missionarischen Eifer find ich echt zum kotzen,
sowas kann ich echt nicht leiden;
es soll halt jeder selbst entscheiden.

Eines darf man nämlich nie vergessen:
Hitler hat auch kein Fleisch gegessen!

Ja, ich seh da schon Zusammenhänge,
also verschone mich mit solchen Zwängen.
Jeder soll doch einfach mampfen,
ungehemmt und ungeniert,
wie der Schnabel ihm gewachsen;
das hat schon immer funktioniert!

Wenn jeder einfach nur das tut,
worauf er Bock hat, was er möchte,
geht’s doch allen ziemlich gut –
wär das nicht beste?

Leben und leben lassen, sag ich immer.

So hab ich früher mal gedacht,
Veganer hab ich ausgelacht.
Ich hoff, die Ironie war klar
die Message lautet: lebt vegan.

Ich mach es selber erst seit kurzem,
es war ein weiter Weg.
Den Preis dafür haben andere bezahlt
und ich hab mal ausgerechnet,
wie viele denn von welcher Art:

Anderthalb Kühe oder Schafe,
vier dreiviertel ganze Gänse
achtzehn Puten, vierzehn Enten,
so grob geschätzt zwanzig Schweine
und sage und schreibe
dreihundertdreiundsiebzig Hühner
hab ich meinem Leben schon verschlungen …
und Hühnchen hab ich gern gegessen,
könnt ihr locker auf vierhundert runden.

Über dreißig Jahr‘ hab ich mich selbst belogen
war verblendet, hab verdrängt
was sie auch wollen, die da oben,
denn kein Mensch, der noch halbwegs vernünftig denkt
kann diese Massen-Scheiße unterstützen.

Die Wahrheit aber, Achtung:
Massen an tierischer Nahrung,
gibt’s nur aus Massentierhaltung!

Mein Gewissen quälte mich.
Es auszuschalten wird uns leider leicht gemacht,
ich denk, den meisten geht’s da ähnlich.
Man kauft Bio und ist glücklich,

ein grünes Siegel fürs Gewissen …
den Tieren geht’s nur leider weiterhin beschissen.

Aber eins kann ich euch sagen,
und zwar,
dass all die fiesen Fragen,
die unbewusst Tag für Tag und Stund für Stund
an unserem Gewissen nagen:

wo kam das her?
Wie wuchs es auf?
Hat’s gut gelebt und durft’s mal raus?
Mit seinen Artgenossen auf die Wiese,
ein bisschen frisches Gras genießen?
Stand’s in ner Box, wenn ja, wie lang?
Wie hoch, wie breit, wie eng, und wann?
Sein ganzes Leben, nur im Winter?
Was war mit den andern Rindern?
War‘n sie mal krank, wenn ja, warum?
Gab’s Antibiotikum?
Wenn ja, wie viele, welche Sorte –
da vergeh’n einem doch die Worte!

Wenn man den Metzger ganz vermessen
mit allen diesen Fragen quält …
dann kann man schnell einmal vergessen …
man wollt doch nur ein Schnitzel essen …

Doch alle diese Fragen sind pasé,
wenn man statt Tierleid Pflanzen wählt.

Fleisch oder nicht Fleisch,
ist also heut die Frage.
Und darüber kann man trefflich streiten
mit Kollegen & Kommilitonen,
in den verbotenen Zonen gesetzloser Internetforen,
unter Youtubevideos in den Kommentarsektionen –

aber lasst uns doch mal reden,
worüber wir uns alle einig sind:
egal ob Katz ob Kuh, ob Hund ob Rind,
das sind alles fühlende Persönlichkeiten,
die zumindest den Respekt verdienen,
dass wir sie nicht achtlos in Gaskammern treiben
wo sie schreien und leiden,
sie nicht in Massen züchten,
misshandeln und richten,
dass sie keine Ware, sondern Wesen sind.

Man darf sie nicht endlos
aufeinanderstapeln,
sie stundenlang durch sengende Hitze
zum Schlachthaus fahren,
sie wie Aktenschrott
durch einen Schredder jagen.

Es muss ein Umdenken her und zwar radikal,
also wenn du im Supermarkt stehst vorm Regal,
dann lass die Müllermilch mal liegen,
die Fertigsauce mit Fleisch,
den Fisch aus der Dose, Sardellen, Sardinen,
die Eier, die Butter – es gibt tausend Alternativen!

Und wenn dein Leben ohne Fleisch
so traurig wär, so kümmerlich
(Spoiler-Alarm: isses nich),
dann schätz es wenigsten ein bisschen wert
iss es bewusst, nicht nebenher.

Veränderungen sind immer schwer,
fallen aber jedem leicht,
der Anteil nimmt an Schmerz und Leid,

auf seine inn’re Stimme hört,
der in sich geht und selbst bemerkt:
es isst nicht nur das Auge mit,

sondern auch das Herz.

Steiner

Es war mal einer
sein Name war Steiner
Rudi Steiner
Rudolf Steiner
so viel Zeit muss sein
seiner war er weit vorraus
Zeit mein ich

seinerzeit war landesweit keiner
auch nur halb so weit wie Steiner
und gerade weil er
so’n Typ war, so’n richtig geiler,
sachte Steiner,
hört mal zu ich bin nicht noch so einer
nicht noch so‘n Langeweiler,
bin der gottgesandte Heiler,
bin der größte gemeinsame Teiler,
und teil euch heut die Wahrheit mit
von der Wissenschaft, und zwar meiner.

Seine geheime Wissenschaft,
die hatte was, das wissen alle, fast
obwohl, eigentlich weiß es keiner
keiner außer Steiner.
Denn Steiner der konnt lesen,
ja, nich‘ einfach nur Bücher – das wär ja nix gewesen!
ne, Steiner die alte Keule
diese Lichtgestalt, diese Säule
des Erkenntnisstrebens,
der Wortgewalt,
des Seelenlebens,
warf ganz kühn einen Blick
in die – so heißt das wirklich – Akasha-Chronik

Akasha the fuck?
hab ich mich auch gefragt und mal gegoogelt,
was die olle Steinernudel
damals ausgesprudelt hat.

In jener Chronik steht geschrieben,
was der Welt im Kopf geblieben,
streng versiegelt und verborgen
dass auch nur wer auserkoren
aus ihr lese, was gewesen
sich von diesem Wissen nähre
und damit die Welt belehre

keiner konnt es,
keiner
außer einer … na, was meint er?
weiß es einer?
Richtig!
Steiner!

So fiel runter wie ein Ast,
die geheime Wissenschaft;
kennste? Haste nix verpasst.

Geheim? Geh heim, sagten seine Gegner,
Doch dem Guru war’s egal,
seinen Fans allemal
denn er hatte was von Rockstar
wie er dastand in der Schockstarr‘
strenge Augen, strenge Worte
trock’ner als die Wüste Gobi
so spannend wie ein Praktikum bei Obi,
(und ich meine nicht Wan Kenobi)

egal, die Leute waren ihm verfallen
und von allen wundervollen Fallen
in denen man in solchen Fällen
sich einfallslos verfangen kann
entsprang in jener Zirkelründe
dieser Einfall aller Münde:
lasst uns doch ne Schule gründen!

Die Waldorfschule war gedacht
mit Namentanzen, Silbenklatschen
Öko und Walpurgisnacht
mit Geisterwesen, Bäumen quatschen
Jahrsiebtelehre, Sonnenfesten
und bunten Flyern in Briefkästen.

Ach, was könnt ich euch erzählen
von Atlantis-Perlen, Engelsseelen
Ätherleib und Plastizieren,
mystisch malend musizieren
sich kanon-kreischend inkarnieren

ach die Waldis, lasst sie spinnen
bisschen tanzen, bisschen singen
was könnt denn als ein müdes Kringeln
meinem Mundwinkel entrinnen?

Jaaa,

doch unter ihnen gibt’s ganz Doofe,
und auf ihrer Seelenreise
glauben sie fast jede Scheiße
solange sie nicht mainstream ist
und bisschen auf die Pharma pisst
schlucken munter ihre Globuli,
die Kinder sah der Doktor nie
und langsam wird es allen klar:
ach wissen se, Steiner sacht ja:
statt impfen, lieber Euyrthmie

Aber echt, wen kümmert Herdenschutz?
Lasst sie suhlen sich im Schmutz
sieh, wie glücklich sie doch sind!
protzen brüsk die stolzen Eltern,
Impfgegner und Sorglosväter
es wächst daran der Leib aus Äther
von dem kleinen Jasper-Peter,
von Finn-Luka und Leander,
von Sophie und all den andern
und wenn stattdessen eben
Masern, Pocken, Polio wächst
ach, was zählt ein Kinderleben?
es härtet ab, was nicht umbringt
und selbst wenn
die Seele wird sich neu erheben
das nächste Leben kommt bestimmt.

Auch wenn sie’s gerne mal verdrängen
ich will das Kind beim Namen nennen:
Steiners kranke Körperkunde
sickert durch in jeder Stunde
wer, schwarzweißgehalten, goldgerahmt an allen Wänden
des Meisters strenge Züge späht
wer Aug‘ und Ohren offenhält, mal nachprüft
was dahintersteht,
begreift ganz schnell
wer im Hintergrund die Fäden zieht.

Aber jetzt mal Spaß beiseite,
was uns Steiner prophezeite,
ist tatsächlich wahrgeworden
Waldorf-Schul’n sind allerorten
der perfekte Gegensatz
zu uns’rer Ego-Alltagshatz
den ganzen Ellenbogenkämpfen
den Kapital- und Konsumkrämpfen

Nur auf den Eso-Kram könnt ich verzichten
denn ich seh, was er anrichtet.
Und eins hab ich erkannt:
Erkenntnis klappt nur, Hand in Hand
mit der Wissenschaft, und zwar der echten
drum werd‘ ich ewiglich anfechten
was hinter dem Gedanken Waldorf steht
bis einst was neues sich erhebt.

Dennoch, Taten zählen mehr als Worte
und es gibt von jener Sorte
mehr als reichlich an den Schulen
die mit Lieb‘, Geduld und Tugend
ihren Herzen Räume schaffen.

Was Steiner dazu beigetragen,
das muss ich mich bis heute fragen.
Aber, ach, ich läster
dabei war er gar kein schlechter,
halt ein wenig ausgeflippt
bisschen zu viel Absinth gekippt,
ich weiß es nich‘
drauf geschissen,
ich wills auch gar nicht wissen …

… nur eins weiß jedereiner:
das einzige Wahre war Steiner
gut, das war jetzt nicht meiner
aber so’n klitzekleiner,
musst ich mir halt leihen, leider
denn so sehr man sich auch müht
nicht ich, nicht du, keiner
wird je so sein wie Steiner.

Zwei Paar Schuhe

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Fast hingebungsvoll zieht die Frau Mitte zwanzig ihren Bleistift über das Skizzenpapier, aber eben nur fast. Denn Hingabe braucht Zeit, die fehlt hier mitunter. Studium der Kunst, schon immer gezeichnet, irgendwie hier gelandet in einem Bürokomplex mitten in München. Die Streifen an den Seiten gewagt, aber Big Boss gibt sein Okay. Zeichnen nach Auftrag, nach Vorgabe, nach den Wünschen der Macher und Lenker, kaum Raum noch für eigene Ideen. Zum Abend stehen zwanzig Entwürfe, die Kollegen bessern nach, das Papier wird gerollt und per Kurier zur Zentrale gebracht.
Am nächsten Morgen das Meeting, vom Schreibtisch des Zeichners per Power-Point an die Wand geklatscht, Kopien für jede*n Anzugträger*in, darüber daneben darunter Statistiken über die neusten Trends, über likes und retweets, über exposition und inception. Das Flimmern des Beamers als Hintergrundrauschen. Und eine Frage, die alle bewegt: was trägt Silva? Und wie trägt Silva? Und wann trägt Silva und wo trägt Silva und …
Ergebnis: more air, less care. More of the same, but a different name. Don’t change the game, just do the same. Rinse and repeat. Verkauft wird ohnehin längst kein Schuh mehr. Verkauft wird ein Gefühl von Freiheit, von Fortschritt, von Neuheit! Mehr grip als je zuvor! Mehr style, mehr flow, mehr wow! Der neue Advance Elite 7 YKM. Unser bester Schuh allerzeiten, versprochen, ungeflunkert und ungelogen. Abgesegnet, Händeschütteln, Entwurf per Mail an die Zentrale, cc zurück an die Modellabteilung; you beautiful bastards, you did it again!
Durch Kupferkabel jagen die Signale bis nach China, der Herrenschuh von heute ist natürlich made in China. Aber nichtmal made in China ist noch made in China. Made in China ist heute made in Ethiopia.
Dort sitzen sie in modernen Fabriken, nach den Konfektionen der Kolonialherren wird dort das bisschen Leder geschnitten, der Gestank unerträglich, die chemische Gerbung hallt nach. Zu hunderten schwitzen in langen Reihen vor Nähmaschinen die Näher, vor Stanzgeräten die Stanzer, vor Klebstofftrogen die Kleber. Unfreiwilliges Klebstoffschnüffeln, die Dämpfe (angeblich) gefährlich. Man weiß nichts genaues, angeblich. Es wird untersucht, angeblich. Siebentausend Paar am Tag, fast zwanzig Euro Stundenlohn. Cent. Eurocent. Weit über Mindestlohn. Fertigteil um Fertigteil wird zusammengenäht und -gestanzt, das Futter gestopft, das Plastik trocknet in Öfen unter Zementdächern unter der ätiopischen Sonne.
Wieder in München steht eins zu eins derselbe Schuh vor weißer Leinwand auf einem Podestklotz. Es ist tatsächlich derselbe. Nicht der gleiche, nein derselbe. Derselbe Schuh, den keiner braucht und alle haben wollen, derselbe Schuhe, der schon bald abertausend Menschen zu individuellen Individuen macht.
„Advance!“, sagt der Spieler im Trikot und tritt vor laufender Kamera und Greenscreen in die Leere. Das Stadion bei Nacht, der giftgrüne Rasen, die lichtergeflutete Tribüne und selbst der Ball werden digital nachgereicht, nicht mal das mehr noch echt. Digitale Bälle sind einfach runder als die Natur es je sein könnte. Berechnet auf tausend Nachkommastellen genau.
In Äthopien ist der erste Produktionswurf geglückt, Händeschütteln auch hier, die Vorarbeiter werden belohnt, das Ziel ist erreicht. Schmiergeld an der Grenze zu Dschibuti, einfach, unbürokratisch, von dort an den Hafen über den Golf von Aden und den Indischen Ozean und die Straße von Malakka (Malakas auf griechisch heißt Wichser) zurück nach China. Dort nur Verladung, dann nach Europa, made in China muss aus China kommen, DURCHFÜHRUNGSVERORDNUNG (EU) 2022/1337, also weiter auf anderen Frachtern nach Barcelona und Antwerpen und Hamburg, über die A9 wieder München. Aber nur ein Teil, der Rest in die Lager, von Braunschweig nach Halberstadt, von Leipzig nach Bad Lausick, von Nürnberg nach Ansbach und endlich in die Geschäfte.
In der Fußgängerzone von München steht nun ein staunender Junge vor einem riesigen Bildschirm, auf dem sein Idol wieder und wieder den virtuellen Ball übers virtuelle Spielfeld schickt.
„Advance!“
Der Ball fliegt in gaußscher Kurve über einen quantengetrimmten Rasen hinweg, so schön schnittig, so voller Energie, landet im Netz dreht sich dort noch.
„Advance!“
 Der Schuh in der Auslage ist ebenfalls auf Hochglanz poliert, und die Neuronen des Jungen feuern von selbst. Mama, das will ich, Mama, das brauch ich, die Mama gibt nach, irgendwann, spätestens zu Weihnachten. Müde fährt sie heim, es ist schon wieder kalt geworden, kaum mehr zwanzig Grad, und das Mitte Dezember, sie muss noch Geschenke verpacken, Geschenke für die Liebsten, vorbei an einem großen Bürokomplex, wo noch zu später Stunde die Lichter brennen und eine von ihrer Unterforderung überforderte Zeichnerin an neuen Entwürfen sitzt.

Bernd Reifer nimmt Maß. Er sagt von sich selbst, dass er schon immer ein wenig esoterisch veranlagt war. Dem Kunden verrät er das nicht, aber er fühlt bereits den fertigen Schuh in seinen Händen, wenn er das Maßband nacheinander an Ballen, Spann und Ferse legt. Es wird kein Termin vereinbart. „Sie hören von mir.“
Ein Händedruck, ein freundlicher Abschied. Im Hintergrund klingelt ein Glöckchen, als der Kunde den Verkaufsraum verlässt. Dort stehen in Auslagen und Regalen zahlreiche Schuhe. Nicht maßgeschneidert, aber ebenfalls von Hand gefertigt. Bernd Reifer geht zurück in seine Werkstatt, wo die Magie ihren Lauf nimmt.
Es fängt mit dem Oberleder an. Kalbsleder. Bernd weiß, wo es herkommt. Ist schon über die Wiese gelaufen, auf dem das Kalb gegrast hat. Mit Leder hat er sein Lebtag gearbeitet. Er liebt Leder, liebt das rauweiche Kribbeln auf seiner Handfläche und den Fingern, wenn er darüber streicht. Liebt den Geruch. Experimentiert jetzt mit Alternativen, seiner Tochter zuliebe. Sie lebt vegan, er selbst ist so irgendwie im Begriff es zu werden. Halbwegs. Mehr kann man von alten weißen Männern nicht verlangen, erklärt er scherzhaft über den Sonntagsbraten hinweg. Sie lächelt dann verschmitzt, aber mit den Augen spricht sie eine deutliche Drohung aus; nicht gut genug.
Den Maßen entsprechend schneidet er es zurecht, auch schon das Velourleder fürs Ösenteil. Vieles macht er noch von Hand mit Messer und Feile, für manches benutzt er moderne Maschinen. Nach dem Schneiden schärft er die Ränder am Schleifgerät. Schon jetzt sieht er vor seinem geistigen Auge das Endergebnis seiner Arbeit, sieht eigentlich keinen Unterschied zwischen den einzelnen Lederscheibchen und dem fertigen Schuh, fügt sie im Kopf schon zusammen wie die arbiträren geometrischen Figuren in einem IQ-Test. Klebt einige Verstärkungen an entscheidenden Stellen auf, weiß wo der Schuh drückt, hämmert sanft dagegen.
Die fixierten Lederteile werden an den Rändern umgeschlagen, er fühlt jede Welle, jede Wölbung, jede Kante des widerspenstigen Materials, fühlt das Übereinanderliegen der Schichten, fühlt die Dicke und Stärke und Trittfestigkeit des fertigen Schuhs schon auf seinen Fingern, lächelt, näht endlich zusammen, was die Mode streng geteilt. Der Schuh, so vielschichtig wie sein Handwerk selbst, hat bereits Form angenommen. Noch ist er kaum mehr als ein Haufen zusammengestanzter Lederlappen, die man straffziehen muss, um die Schuhform deutlich zu machen. Aber Bernd Reifer ist auch erst am Anfang seiner Arbeit, und es ist bereits Abend.
Er lebt gut. Nicht bescheiden, nicht über seine Verhältnisse. Vieles machen sie selber. Hat nicht viel, arbeitet auch nicht viel. Arbeitet eigentlich gar nicht. Urlaub im Allgäu. Tut, was ihm gefällt. Früher hat er Fertigschuhe repariert. Heute nimmt er sich Zeit. Zehn Stunden in der Woche unterrichtet er an einer Berufsschule. Hilft ab und an einem Zunftgenossen in dessen Werkstatt. Bezahlung: Geschenkkörbe und Essenseinladungen. Die Tochter hilft aus. Früh erwachsen geworden, aber hat nie aufgehört, Kind zu sein.
Am nächsten Tag fertigt er das Futter. Auch dieses will geschnitten werden, auch dieses will gesteppt und genäht und am Ende nochmal beschnitten werden. Es ist immer das gleiche, ein schier endloses Wiederholen einzelner Arbeitsschritte mit einzelnen Abweichungen, polarisieren und vergrößern. So wird ein Schuh draus.
Er tastet die Ränder des Oberleders ab und stanzt bereits die Löcher und Ösen für die Schnüre. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, aber Bernd Reifer hat Geduld. Er pfeift bei der Arbeit. Abends trinkt er Wein, ein Glas. Viel hat er in seinem Leben nicht gelernt. Schuhe anfertigen, das kann er. Mehr nicht. Es reicht ihm. Er weiß mehr über den menschlichen Fuß als die Herren und Frauen Doktoren. In den letzten Jahren hat er festgestellt, dass sie immer breiter werden. Der Spann wird höher.
Sein nächster Schritt ist das Schneiden der Sohle, wofür er sich einer seiner Leisten bedient. Diese Formstücke aus Holz stehen auf einem Regal im Hintergrund. Für einen wirklich maßgeschneiderten Schuh bräuchte es auch eine nach Maßen gefertigte Leiste, aber kleine Abweichungen gibt es im Handwerk immer. Handwerk heißt Vollkommenheit, nicht Perfektion. Perfektion ist Streben nach Gleichheit, Streben nach Befriedigung rastloser Geister, dem Ausmerzen jedes noch so unbedeutenden Fehlers. Vollkommenheit aber heißt in Einklang leben mit dem Fehlerteufel. Ihm keine Macht zu geben. Hinzunehmen, dass die Welt nun einmal krumm ist. Krumm und sonderbar, und durch keine Geistesleistung entgültig zu rationalisieren. Kleine Fehler tun gut, wusste schon Reinhard Mey. Weiß er noch immer, lebt ja noch, singt ja noch und schreibt noch Lieder. Maßgescheitert nennt Bernd seine Schuhe manchmal und lacht darüber.
Nach Anfertigung der Brandsohle erhält sie ein Stahlgelenk. Sie ist das Fundament eines Schuhs, sie gibt Halt und Stabilität, aber sie muss auch anpassungsfähig sein. Wie eine Feder. Mit Hammer und Meißel und Nägeln im Mund sitzt er auf seinem Hocker. Der säuerliche Geschmack des Metalls betäubt seine Lippen. Der staubige Werkstatttisch wird von einer alten Drehlampe beschienen. Jetzt kann er nicht pfeifen. Er hämmert trotzdem Nagel um Nagel voller Geduld durch die Sohle und befestigt sie auf der Leiste. Nachdem er das Außenleder ebenfalls mit der besohlten Leiste verbunden hat, kann sogar das ungeschulte Auge einen Schuh erkennen. Wieder klebt und drückt er Verstärkungen an den passenden Stellen auf, gibt Kappen an der Ferse und dem Vorderteil hinzu, schneidet und zieht zurecht, glättet und zwickt.
Von oben betrachtet sieht der Schuh schon aus wie ein Schnuh, erst recht nachdem er ihn festgeschnürt hat. Doch die Unterseite ist noch immer offen, darunter ragt voller Nägel und Klammern und der häßlichen aber wichtigen Schiene die Sohle hervor. Wieder greift er zur Kneifzange, wieder zwickt er und nagelt zusammen, schleift und glättet.
Das schöne am Handwerk ist, dass die Natur den Zeitplan diktiert. Während alles trocknet und sich zusammenzieht, schläft er und träumt von Italien. Am nächsten Morgen entfernt er die ersten Nägel. Er weiß, welche er noch braucht und welche bereits ihren Zweck erfüllt haben.
Die Sohle ist noch immer keine Augenweide, und auch nicht sonderlich stabil, also gibt er eine Korkausballung hinzu. Diese muss er nicht schneiden, er bricht die überflüssigen Teile einfach ab, wobei ein hörbares Knackgeräusch entsteht, das er sichtlich genießt. Ein kleines Band aus Leder mit gezackten Rändern bildet den Rahmen, den er um das Schuhprofil herum anordnet und eindrückt. Den Rahmen näht er nicht fest, er verwendet Holznägel, weil ihm das besonderen Spaß bereitet. Dabei muss er darauf achten, dass sich die Nägel nicht im Laufe der Zeit hochdrücken, er darf sie also nur gerade tief genug durch die Sohle klopfen. Kein Kunde mag Nägel im Schuh. Eine nachvollziehbare Einstellung.
Am Ende der Absatz. Auch dieser besteht wieder aus mehreren Schichten, alles wird wieder geklebt, wieder festgedrückt, wieder vernagelt, wieder sorgfältig passgenau geschnitten. Er schleift noch die Sohlen, lässt dann den Schuh eine Nacht lang in Ruh‘. Gute Schuhe brauchen Zeit, sind teuer. Aber wer billig kauft, weiß Bernd, kauft doppelt. Oder vierfach. Vier Paar Schuhe pro Jahr, im Durchschnitt. Frauen natürlich mehr. Natürlich. Seine Schuhe halten lang. Ein Leben lang, wenn sie müssen.
Mit einem verhärteten Ausdruck betritt er am nächsten Morgen die Werkstatt. Abgebrüht, aber zufrieden. Stolz steht der Schuh auf seiner Leiste. Die Holznägel in der Innensohle müssen noch abgeklopft, die Laufsohle noch eingearbeitet werden. Aber schon jetzt ist nach einer Woche Arbeit der Schuh endlich fertig. Nur gehören zu einem Paar eben immer zwei, schmunzelt der Schuster und schneidet schon das erste Stück Außenleder zurecht. Man müsse sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, hat ein kluger Kopf einmal gesagt. Zuallererst aber, fand Bernd, müsse man sich vorstellen, dass der Sisyphos in seinen Stein verliebt war.

Osterspaziergang 2020

Vom Kriege entzweit, strömen zahllose Menschen,
gen Westen über die grünende Flur.
Teils Hoffnung, teils Schwermut prägt ihren Blick.
Die alte Heimat, in ihrer Schwäche,
die rauen Berge, ließ man zurück.

Vor dort her starten sie, fliehend, nun,
ohnmächtig trauernd die rädernde Reise,
in Booten über das mittlere Meer;
aber kein Fremdes duldet der Weiße!
Überall regt sich Bildung und Streben,
er will es nicht teilen, hat was dagegen.
Es sei doch schon bunt genug im Revier;
sie fordern braune Sümpfe dafür.

Kehre dich um von dieser Schande,
das alte Feuer anzufachen!
Aus den hohlen finstern Köpfen,
dringt hervor die häßlichste Hetze.
Hetzen über Muslims gern;
die feiern ja nicht die Auferstehung des Herrn!
Doch auch sie sind auferstanden:
aus heimicher Häuser tristen Trümmern,
aus besetzten Straßen und brennenden Städten,
aus dem Druck von Wahn und Waffe,
aus des Peinigers lähmender Enge,
aus des finstersten Tales finsterster Nacht,
sind sie alle – fast – ans Licht gebracht.

Sieh nur sieh! Wie beengt doch die Menge,
in Lagern und Feldern aus Zelten verweilt,
wie die Grenz in Breit und Länge,
so manche müde Familie zerteilt.
Und, bis zum Sinken überladen,
versinkt nun auch der letzte Kahn,
selbst von des Lesbos bunter Insel,
blinken uns gräßliche Bilder an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel:
„Hier ist des wahren Volkes Himmel!“
Bedrücket jaulet groß und klein:
„Ich bin doch Mensch, lasst mich rein!“

Heimat & Entfremdung

Von den Sternen kommen wir, zu den Sternen gehen wir.
Das Leben ist nur eine Reise in die Fremde.

Walter Moers

Ungefragt, sagt der Philosoph Martin Heidegger, werden wir in diese Welt geworfen. Kaum sind wir dazu in der Lage, die Angebote unserer Mitmenschen aufzufassen, erklärt man uns, wo wir Zuhause sind. Fällt es uns als Kind noch relativ leicht, das gewohnte Umfeld als Heimat zu begreifen, so geraten wir mit zunehmenden Alter mehr und mehr in eine Situation der Rechtfertigung. Wo genau ist denn eigentlich diese Heimat? Endet Heimat dort, wo man die elterlichen vier Wände verlässt? An den Grenzen der eigenen Stadt oder Region, mit denen man eine gewisse Kulturprägung gemeinsam hat? Oder zählt noch das gesamte Land, gar das willkürliche Konstrukt der Nation hinzu?

Die üblichen Antworten auf diese Fragen regen dazu an, sich Gedanken darüber zu machen, ob der zufällige Ort unserer Geburt eine gute Rechtfertigung für unsere Identität ist. Denn wer von Heimat spricht, spricht ja immer auch von Identität. Wir sind Deutsche, Türken, Italiener – oder fassen uns präziser als Schwaben, Anatolier oder Römer auf. Aber haben diese zufälligen Randnotizen in unserer Biographie denn wirklich einen Einfluss darauf, wer wir sind? Oder besser gefragt: sollten sie es haben?

Unsere Kultur formt uns. Wir lernen die Sprache unserer Eltern und darüber hinaus vermittelt man uns gewisse, angeblich kulturbedingte Werte. Doch sind die Werte, die wir in unserer westlichen Welt heutzutage wertschätzen – Demokratie, Freiheit, Gleichheit – wirklich ein Produkt unserer kulturellen Prägung? Wurden sie nicht viel mehr durch ein ständiges rationales Hinterfragen, durch ein konstruktives Mit- und Gegeneinander entwickelt? Und wurden diese Entwicklungen nicht insbesondere von gerade denjenigen angestoßen, die sich eben nicht mit ihrer Heimat und den althergebrachten Traditionen identifizieren konnten?

Wer in unserer globalisierten Welt rational darüber nachdenkt, was genau er als seine Heimat bezeichnet, muss sich zumindest eingestehen, dass Heimat kein fixer Punkt auf Erden sein kann. Wer nach einigen wenigen Jahren der Wanderschaft in seine Heimatstadt zurückkehrt wird unmittelbar mit dem Wankelmut der heutigen Welt konfrontiert. Ein Schlag ins Gesicht, wenn die alte Schule einem Parkplatz, der Eichenbaum draußen auf dem Feld einem Sportstudio oder die Wiese einem Neubaugebiet gewichen ist. Schon sehen wir Kinder in diesem Umfeld eine neue Heimat finden, und wissen längst, dass auch sie eines Tages als Fremde zurückkehren werden. Eine Identität, die sich an solchen Eckpunkten festzumachen sucht, muss zwangsweise zerbröckeln.

Was bleibt, ist die Rolle als Weltbürger, als Nomade der Moderne, als Kosmopolit. Unser globales Zeitalter bietet hier mehr Anknüpfungspunkte denn jemals zuvor. Ob kulinarisch, modisch oder religiös; in jeder größeren Metropole können wir uns die Kirschen aus dem Kuchen picken und uns von jeder Kultur das einverleiben, was uns am besten gefällt. Patchwork-Identität der Marke Eigenbau.

Ganz zufällig verweist unsere moderne nomadische Lebensweise aber auf das, was jedem Heimatbegriff erst einen Sinn verleiht: nämlich die Menschen, die eine Heimat bewohnen. Wie leer, bedrohlich, unheimlich wirkt das alte Haus der Eltern, wenn die Eltern längst verstorben sind?  Wie fremd die Straße, in der man aufgewachsen ist, wenn man kein Gesicht dort wiedererkennt?

Nur, wenn es ausgerechnet unsere Mitmenschen sind, die uns ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit vermitteln; warum geben wir uns dann solche Mühe, uns permanent von ihnen abzugrenzen? Weshalb ziehen wir auf unserer Karrierejagd um die halbe Welt, ohne dabei jemals Fuß zu fassen? Weshalb lernen wir unzählige Menschen kennen, nur um sie bald darauf schon wieder zu vergessen? Glauben wir der Datenbank unserer sozialen Medien, besitzt der Durchschnittsmensch heutzutage mehr Freunde als je zuvor. Doch irgendetwas scheint uns zu fehlen, irgendetwas treibt uns weiter an.

Wenn nicht der Ort unserer Geburt, nicht unsere wankelmütige Kultur und auch nicht die Beziehungen zu unseren Mitmenschen genügen, um den Heimathunger unserer Herzen zu stillen; was bleibt dann noch außer einem marternden Gefühl der Entfremdung?

Wer sich fremd fühlt in der Welt, den treibt letztendlich nur die Sehnsucht an. Die Sehnsucht nach Heimkehr, nach dem Ursprung, die Sehnsucht nach dem Außerweltlichen. Sehnsucht nach dem Tod. Worauf lässt sich unser destruktives Verhalten unserer Umwelt und ihren Geschöpfen gegenüber denn zurückführen, wenn nicht auf einen angstgeborenen Zorn auf alles Fremde? Ob wir nun glauben, die Erde von unseren Eltern geerbt oder von unseren Kindern geborgt zu haben, es bleibt dasselbe Märchen vom Anderssein, vom Fremdsein in der Welt.

Wie also können wir Heimatlosen Identität finden in dieser Welt?

Was, wenn es gerade dieses unaufhörliche Ringen um eine Identität ist, das uns von der Welt entfremdet? In unserem kläglichen Versuch, uns selbst zu finden und zu beschreiben, uns zu definieren und festzulegen, spüren wir gar nicht mehr, dass wir uns dabei aus der Weltengleichung herausnehmen. Von Kleinauf reden wir uns ein, ein eigenes Individuum zu sein, das nur in Abgrenzung von der Welt existiert. Die ganze Welt gegen uns. Unser Geist hat die wundervolle Fähigkeit, jedes Ding in seine Einzelteile zu zerlegen. Dank unserer Analysetätigkeit haben wir die Welt zu großen Teilen schon entschlüsselt, und weitere Erkenntnisse werden gewiss folgen. In unserem Bemühen aber alles zu sezieren übersehen wir die banale Tatsache, dass die Welt in Wahrheit nicht aus unvollständigen Einzelteilen besteht.

Wir sind ein Lied, sind Sinfonie. Selbst der schönste aller Töne kann alleine nie über sich hinaus klingen. Erst in seinem Kontrast, in seiner Verschiedenheit zu anderen Tönen geht daraus eine Melodie hervor, nur gemeinsam erklingen die Melodien zu einem Lied, und nur gemeinsam erklingen auch wir Menschen. Wie aber wollen wir unsere Einheit begreifen, wenn dieses unaufhörliche Ringen um Identität uns ständig weismachen will, eigentlich ein eigenes zu sein? Ein für sich? Ein einsames Ding?

Wer bin ich?

Es ist diese Frage, die im Herzen aller Einsamkeit und Entfremdung schlummert. Eine Frage, auf die uns weder unsere Herkunft noch unsere Kultur eine Antwort gibt. Eine Frage, die uns von unseren Mitmenschen abgrenzt, die sie zu bloßen Statisten im filmhaft abgespulten Leben eines deiktischen Zentrums verdammt.

Die Frage nach der eigenen Identität – heruntergebrochen auf die prägnante Formel Wer bin ich? – ist so alt wie die Menschheit selbst. Die runenhaften Weisheiten eines Laotse oder Siddhartha Gautama, eines Meister Eckhart oder Heraklit verweisen alle in dieselbe Richtung und scheinen sich mit Erkenntnissen der modernen Neurophysiologie zu decken: dass es ein entgültiges Ich nicht gibt. Dass unsere Identität ein fortlaufendes Konstrukt ist, das in Wechselwirkung unserer Gedanken mit der Umwelt entsteht. Doch wer genau ist dann eigentlich derjenige, der diese Gedanken denkt? Und ist dieser ungreifbare Geist, dieser stille Beobachter, dieses Bewusstsein denn nicht identisch mit unserer Identität?

Cogito ergo sum.

So oft wir die Tür zur eigenen Identität auch durchschreiten, dahinter erwartet uns doch immer nur dieselbe Tür. Gleich dem Ouroboros beißt sich diese Frage immer in den eigenen Schwanz. Wir können, so die traurige Auflösung, niemals eine zufriedenstellende Antwort finden.

Doch ist es wirklich eine traurige Auflösung? Die Suche nach der eigenen Identität aufzugeben ist keine Unterwerfung an ein bitteres Weltgesetz. Wer könnte denn auch unterworfen werden? Wo kein Kläger, da kein Richter. Und im selben Atemzug überwinden wir auch unsere Entfremdung von der Welt. Entfremdet sein kann nur, was sich abgrenzt. Wer das Phantom seiner Selbst zu bannen vermag – und sei es nur für einen winzigen Moment der Erkenntnis – der verliert womöglich seine Identität. Im Gegenzug aber erhält er die ganze Welt zum Geschenk.

Wir wurden nicht in diese Welt hineingeworfen, wir sind kein Fremdkörper oder Parasit, der diesen unschuldigen Planeten befallen hat. Wir sind aus der Erde, aus der Welt hervorgegangen wie der Apfel aus dem Apfelbaum. Es liegt an uns, ob wir unsere kurze Zeit auf dieser Welt als eine Reise in die Fremde empfinden oder ob es uns gelingt, in der Heimat des Augenblicks anzukommen.