Höhlenhelden, Drachenzauber

Es war einmal ein Held, ein kleiner.
Angelangt am Ende seiner Jugend
beschloss er kurzerhand,
dass ihm die Welt nicht mehr gefällt.

Was nützte all das liebe Lachen,
wenn’s wütend immer widerhallend,
zu fremden Ufern rüber schallend,
stets stecken blieb in seinem Rachen?

Der Held nämlich war freudenfern,
war Kummerkind, mit Herze schwer.
Vergoß so manchen Tränenfluss,
die hatte er im Überschuß.

Die Menschen war’n ihm überflüssig
Das Leben schien ihm zäh und müßig.
Wohin er trat, wohin er sah,
nur Schmerz, nur Leid, Jahr für Jahr. 

War denn da keiner, wirklich keiner?
Kein Erdenfreund, der Anteil nahm,
nur Diebe, Schurken, böse Neider,
kein klitzekleiner Kummerteiler,
nur Teufelsbrut und Höllenschar,

ansonsten keiner, wirklich keiner?

So warf der Held sein schweres Joch,
und grub sich selbst ein tiefes Loch,
eine Höhle, fast geschafft.
Von finstern Felsen fest umfasst.
Entfloh er aller Weltennöte.

In seiner ersten kalten Nacht,
geschah ihm Wunder-, Zaubermacht!
Blitzeslicht und Funkengrelle
erhellten schnell die hohle Höhle.

Puff – graugelockt und graugehaart,
stand da,
ein Zauberer auf seiner Schwelle.

Ein Zauberer – wie sonderbar!

Da sprach der Mann mit Haaren grau:
Dich, du Held in deiner dunklen Höhle,
hat die Welt da draußen, schöne
gerade eben noch gebraucht.

Drum hurtig, hurtig losgefahren,
zu Heldentat, ergreif das Schwert!
Schenke mir nur sieben Jahre,
der Welt zum Dienst – sie ist es wert.

Lass uns einen Drachen jagen,
fangen, foltern, endlich dann erschlagen
befrei die Welt von dieser Plage,
und schreibe deine eig’ne Sage.

Na, was sagst du? Eingeschlagen?

Der Lohn, der dir für deine Müh‘ beschieden,
sei ohne Zweifel unbescheiden.
Wissen, Reichtum, Macht und Liebe,
schlag ein – ich will’s dir nicht verleiden.

Unser Heldlein, klein und schmächtig,
fühlt sich plötzlich groß und mächtig.

Drauf gepfiffen – eingeschlagen!
Zum Schwert gegriffen – lass uns einen Drachen jagen!

Sieben lange Jahre,
vom Winde fortgetragen.
Sieben lange Jahre,
den Drachen zu erschlagen.

Sieben lange Jahre,
vergebens alle Müh‘.
Sieben lange Jahre,
den Drachen fand er nie.

Stattdessen fand er Königreiche,
von Kindeszwist entzweigerissen,
sah Birke, Buche, Eibe, Eiche,
zu Ascheklumpen niederfließen.

Sah Mensch und Tier im Widerstreit,
sah sie einander fressen,
sah Kummer wieder, Schmerz und Leid,
sah alles, was vergessen.

In hohler Hirneshöhle lacht,
der Zauberer, gar ungehalten.
Hast, tumber Tor, denn du gedacht
dass ich mein Wort tatsächlich halte?

Grau zu Schwarz und Schwarz zu Weiß,
wandelt sich der Alte,
fließt dahin, der Greis.
sich selbst neu zu gestalten.

Weiße Krallen, schwarze Schwingen,
die Brust vor Feuersbrunst geschwellt
reißt auf sein Maul, um alle Welt
samt Menschen zu verschlingen.

Der Drache ist gekommen!
Der Held wankt wie benommen!

Sein Schwert schon voller Kerben,
zerbricht zu tausend Scherben.

Alle Hoffnung ist verloren,
verwelkt, wie sieben lange Jahre.

Gleich einer Leiche liegt der Held,
zum Scheitern auserkoren,
reglos auf der Totenbahre,
derweil die Welt zu Staub zerfällt.

Doch plötzlich strebt zu höchstem Ruhme
aus Aschebett und Trümmerhaufen,
aus Menschenmatsch und Knochenstaub
eine blaue Blume.

Ihr reines Licht,
vor dem selbst die Finsternis zerbricht
strahlt hell wie tausend Sonnenwelten,
und dringt hindurch zu uns’rem kleinen Helden.

Erwacht endlich aus seinem Schlummer,
aus Grabestiefen aufgestiegen,
und sieht durch all den Menschenkummer,
die Liebe letztlich siegen.

Er wirft sich auf die Knie eilig,
entreißt dem kargen Ascheboden,
die Blume, blau und heilig,
dem Drachen wird sie feilgeboten.

Der Drache, der Liebe nie gekannt
erstarrt zu Stein und wandelt bald
von neuem die Gestalt.

Der Zauber ist gebannt.
Der langen Jahre sieben,
Hat der Zauber ihn geplagt,

Endlich hat er ihn vertrieben,
Die Nacht zerfällt zum Tag.

Zuletzt, er lächelt, unser Held.
Dies gebrochen‘ Schwert,
geb ich freudig hin der Welt.
mag sie auch selbst gebrochen sein;

sie ist es wert, sie ist es wert.