Ballade von der Kunst des Totenbeschwörens

In stiller Kammer ich sitze,
über Folianten gebeugt.
Ich denke aus, ich kritzle,
alles wird streng beäugt,
wird streng geprüft,
ob’s auch was taugt,
ob’s einer braucht;
ob’s eines Tages sich erheben kann.

Da ist etwas lebendiges,
in meinem Herzen zieht es seinen Kreis.
Ich würg es und ich kotz es aus;
tot liegt’s vor mir, schwarz auf weiß.

Wie aber nun kann man beschwören,
was kaum geboren anheimfiel schon der Nacht?
Welche Dämonen muss ich betören,
um aufzuwecken, was ich erbrochen?
Um auszusenden in die Schlacht,
mein Heer aus schwarzen Tintenknochen?

Ein häßlich Ding aus Tröchäen und Anaphern
zimmer‘ ich zusammen,
einen Homunkulus aus Jamben und Metaphern,
verbind‘ Silben mit dem Dichtersfaden,
zu Versen und zu Strophen,
zu Sätzen, ganzen, und dem ersten
Kapitel, dem zweiten und dem dritten
und jedem nur erdenklichen Stilmittel!

Aber ich vergaß:
mir fehlt die Muse für ein rechtes Maß.
Kein Metrum wird mich jemals zwingen,
will stürmisch frei die Tat vollbringen!

Chaos, heißt es nämlich,
sei die Suppe allen Lebens.
Chaos lass ich drum gewähren,
lass vom Bücherstaub die Milben nähren,
lass Maden, Spinnen, Ratten,
sich gegenseitig niederraffen,
sich begatten!

Ein Kreis aus Tod und Leben,
aber nicht ich hat‘ ihn geschaffen!

Nein, im Chaos ist es nicht zu finden,
so gilt wohl doch der gegenteilige Gedanke.
In Ordnung (pah!) muss ich mich drum binden,
und greif zu Zirkel und Sextanten,
um klar zu messen jene Kraft,
die in uns wirkt und Leben schafft.

[Verzweifelt such ich fader Geisterfänger,
in starrer Ordnung Leben auszusäen. 
ein traurig Lied vom Werden und Vergehen.
So höre das Sonett des Totensängers.

Doch will es nie gehorchen meinem Herzen,
wie könnt mit Tod auch Tod ich überwinden?
auch in der Ordnung ist es nicht zu finden,
des Rätsels Lösung will mich niederwerfen!

Dem Scheitern trotz ich weiterhin voll Eifer,
am Ende wird es mir gewiss gelingen,
erhebe mich und werde größer, reifer .
Geheimes Wissen werd ich bald schon finden!

So such die Antwort ich und ziehe weiter,
und werd den Tod ins Leben schon noch zwingen. ]

Pah, widerlich …

dieses strenge Strophenstammeln,
das Leben in seinen wilden Bahnen,
lässt sich doch nicht sorgsam planen!

Wenn meine ureigene Kraft,
die Worte nicht vom Tod befreit,
dann ruf ich jetzt, aufgepasst,
die Geister der Vergangenheit!

Denn eines weiß ich ohne Frage:
die hohe Kunst der Nekromanten,
gelang vor mir schon vielen and’ren,
drum will ich sehen, wie sie’s taten!

Also Leichenfledderei …
der alte Goethe hat’s gekannt,
das große Geheimnis, ei ei ei,
Knochensäge; sei zur Hand!

Auf Brettern liegt nun,
von Blut und Tinte rot und schwarz getränkt,
der Leib des alten Meisters nieder.
Verächtlich blick ich auf ihn herab,
studier‘ ihn, wieder und wieder.
Was hat er denn, was ich nicht hab?

Knochen und Geweide bersten,
unter meinem Messersblick.
Der Werther, Götz, und Faust, der erste
schneid‘ Augen raus und breche ein Genick.

Enthüll, was du in deinen Därmen mir verbirgst!
Heraus damit! Würg, igitt!
Was klebt an meinen Händen?
egal; wer gut sein will muss Leichen schänden!

So sehr ich wühl, so sehr ich stech,
die Regung nie zugrunde geht.
Was ich auch tu, was ich auch brech,
es lebt, es lebt!

Gesülze, Geflenne, Gefühle,
vom Dichtersfaden gebunden, verwebt.
Ich seh die Wunden, die Narben,
aber … ES LEBT!

Aber wie kann es sein,
dass diese fremden Charaktere
allein durch meines Blickes Segen,
sogleich beginnen sich zu regen,
während alle meine Werke,
ohne Atem, ohne Kehle,
wo ich doch so redlich strebe,
nie eine Geburt erleben?!

Wie kann es sein,
dass dieser schwarze Tintenbrocken,
des Todes ewig‘ Joch gebrochen,
während alle meine Kinder,
ohne Leben, ohne Seele,
wo ich doch mein Herz hingebe,
niemals … niemals sich erheben?

Steh auf, du Ding, du totes!
Ich rufe, ich beschwöre dich!
Dein Schöpfer hat dir was befohlen!
So steh doch auf … verlass mich nicht!

Und es schaut der hohe Meister,
streng herab gleich einem Richter,
höhnisch feixen seine Geister,
während für den toten Dichter,
Reim um Reim und Stanz um Stanze,
seine Texte frech und heiter,
dem Tode trotzend weitertanzen!

Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister

Schreck, und wieder hebt sich einer!

Hilflos fang ich an zu fluchen,
als plötzlich die Erkenntnis keimt:
ich war’s doch, der dich gerufen,
und ich werd’s sein, der dich verneint!

Beschworen hab ich dich, du Geist,
der mein Herz seit je gekannt!
Jetzt zeig ich das geheime Zeichen:
fort du Meister, sei gebannt!

Stille, plötzlich,
Stille, ich begreif‘s!

Es galt schon in der alten Zeit:
die hohe Kunst des Nekromanten,
liegt nicht im Ich, sie liegt im and’ren!
Sie liegt im Du, im fremden Geist!

Nur fremdes Auge kann vollbringen,
dass tote Tinte sich erhebt,
nur in fremdem Ohr kann’s neu anklingen,
und hören, ob’s tot ist noch oder schon lebt

Wenn Goethe stößt auf Ohren taub,
dann sammelt selbst der Gott nur Staub,
in seinen Eingeweiden steckt dann eben
keineswegs ein Eigenleben!

Erst durch unser Aug, das sehend,
freudebebend sich ergebend,
es durchdringt mit purem Leben,
mag es wieder auferstehen.

Ohne uns ist Goethe nur,
ein Geist vergangener Epochen.
Und ohne euch ist selbst der Faust
nur eine Truppe toter Tintenknochen.

Irgendwann bin auch ich ein hoher Meister,
von diesem Ziel werd ich nicht weichen.
Bis eines Tag’s ein junger Streiter
sie zerfleddert, meine Leiche.

Bis dahin aber, so sieht’s aus,
bleib ich daheim und wühl‘ im Faust.