Ein Wind aus Asche und Feuerfunken strich durch die Wälder und flüsterte ihren Namen. Irmengard.
Die Feuchtigkeit der Buche fühlte sich gut an auf ihrem verbrannten Gesicht. Wie ein gehetztes Raubtier kauerte sich Irmengard an den Baum, hielt sich an ihm fest. Der Herrgott wusste, dass ihre Beine allein dazu nicht mehr in der Lage waren. Ihre Augen huschten durchs Unterholz. Es dunkelte bereits, aber das Abendrot erstrahlte heller als sie es je zuvor in ihrem Leben gesehen hatte, und warf sein Licht wie ein Glutfeuer auf den Wasgenwald herab.
Etwas regte sich in den Sträuchern. Irmengard fasste das Küchenmesser fester, das sie dem Schmied gestohlen hatte. Eine Sünde, die sie nur schweren Herzens begangen hatte, aber der heilige Ulrich würde ihr vergeben. Außer diesem Messer besaß sie nichts, um sich zur Wehr zu setzen. Genau genommen besaß sie überhaupt nichts außer diesem Messer und dem Kleid aus groben Leinem an ihrem schlanken Körper. Keinen Schmuck, keinen Mantel, nicht einmal Schuhe. Ihren Gemahlen hatten die Schergen des Grafs genommen, vor vielen Jahren, und ihre Ehre obendrein. Ihr ganzes Leben hatte damals in Flammen gestanden, so hatte es sich angefühlt. Doch es war kein Vergleich zu dem, was heute Abend geschehen war. Das Feuer, das über ihr Dorf gekommen war, war kein sprichwörtliches. Es war ein Feuer, wie es der Teufel selbst in seiner tiefsten Hölle ausgebrütet haben musste. Haus und Hof waren diesem Feuer zum Opfer gefallen. O, dieses schreckliche Feuer … nichts war ihr geblieben, nur eine Tochter besaß sie noch auf dieser Welt; und die war irgendwo da draußen.
Das Rascheln hatte plötzlich aufgehört, und Irmengard wähnte sich schon in Sicherheit, da brach mit aufregtem Schreckenslaut ein Tier aus dem Gebüsch hervor. Die Angst trieb sie dazu, ihre Augen vor der anstürmenden Bedrohung zu verschließen, aber ihr Herz stählte ihren Arm, festigte ihren Stand. Erschrocken fuhr sie zusammen, als sie einen heftigen Windhauch neben sich spürte, stolperte zur Seite und stürzte ins Laub. Sie riss die Augen auf und sah noch mit an, wie das Reh mit einem wilden Schlenker an ihr vorbeihuschte und zwischen den Bäumen verschwand. Noch lange, nachdem es verschwunden war, hörte sie seine verzweifelten Rufe.
Alle siebenhundert Jahre erwachte der Drache aus seinem Schlummer. Die Geschichten darüber kannte sie, seit sie auf eigenen Beinen stehen konnte. Manchmal hatte sie von ihm geträumt. Es waren wilde, verwegene Träume gewesen, wie sie sich einem gottesfürchtigen Kind nicht ziehmten, und nie hatte sie mit irgendeiner Menschenseele darüber gesprochen. In diesen Träumen war sie oftmals auf den mächtigen Rücken des Drachen geklettert, war mit ihm gemeinsam in die höchsten Höhen aufgestiegen, hatte sich von seinem sengenden Odem veredeln lassen. Mit dem Alter waren diese Träume dann verschwunden. Lange Zeit hatte sie nicht mehr daran gedacht. Bis zum heutigen Abend.
Es konnte nicht sein, es war unmöglich. Die Geschichten über den Drachen des Wasgenwaldes waren doch nur ein Schauermärchen. Aber die Männer des Grafen hatten etwas ganz ähliches zu berichten gewusst, worüber sie von ihrem Hauptmann gescholten und von den Bewohnern des Dorfes verlacht worden waren. Eine Erklärung dafür, was mit ihrem Kameraden geschehen war, hatte allerdings keiner von ihnen gehabt. Irmengard würde diesen Anblick ein Lebtag nicht vergessen. Zu einem unförmigen Klumpen aus Fleisch und Stahl war er verschrumpelt, an dem nur noch grob die Gliedmaßen und der blutverschmierte Schädel zu erkennen gewesen waren. Bei der Erinnerung daran durchfuhr sie ein Schauer, und ihre Beine wurden wieder weich vor Angst. Dennoch, sie durfte nicht wanken.
„Immi“, flüsterte sie und zog weiter.
Durch das dichte Blätterdach des Wasgenwaldes erhaschte sie nur gelegentlich einen Blick auf die Burg, die auf der Spitze des Kegelberges lag. Sie trug den unheilvollen Namen Drachenfels, und Irmengard hatte keinen Zweifel daran, dass sie dort ihre Tochter finden würde. Woher sie es wusste, vermochte sie nicht zu sagen. Ihr war so, als hätte sie bereits einmal davon geträumt …
Wie sie den Hang zwischen alten und jungen Buchen emporstieg, spürte sie plötzlich einen Schmerz in ihrem Fuß; oder vielmehr die Erinnerung an einen Schmerz. Wie versteinert hielt sie inne, ihr nackter Fuß schwebte in der Luft, und vor sich sah sie einen besonders spitzen Stein aus dem Waldboden hervorbrechen. Behutsam setzte sie ihren Fuß daneben auf, setzte ihren Weg mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend fort.
Bald erreichte sie einen kleinen Bach, und der Anblick dieses beschaulichen Fleckens trieb ihr die Tränen in die Augen. Sanft plätscherte er vor sich hin, floss über herabgefallene Äste und Zweige hinweg, während im Wind die jungen Buchen verträumt säuselten. Bis zum Tage des Jüngsten Gerichts hätte sie in sich gekehrt an diesem Ort des Friedens verweilen können, und hätte es vielleicht sogar getan, die Welt vergessend und nur auf Knien diese urtümliche Schönheit der Natur anbetend; da ertönte über ihr und überall um sie herum das schrecklichste Geräusch, das sie je gehört hatte. Es war das finstere Grollen einer vergessenen Gottheit, das Kreischen eines bösen Tieres mit sieben Häuptern. Die Buchen zitterten, der Boden bebte und der Bach verstummte mit einem Schlag. Stille herrschte, die nur von Irmengards leisem Wimmern durchbrochen wurde.
Ein weiterer Schrei wurde ausgestoßen, ein dritter und ein vierter, aber diese waren weniger machtvoll, sie waren kümmerlich und voller Angst. Es waren die Schreie kämpfender, sterbender Männer.
Hastig watete sie durch den Bach hindurch, kletterte eine Mulde hinauf und fand sich auf weitem Felde wieder. Ihre Augen schmerzten, als ein gleisendes Licht die Nacht erhellte. Feuer, Feuer überall. Gewaltige Gestalten mit schwarzen Fledermausschwingen erhoben sich auf dem Feld oder fegten über den brennenden Himmel hinweg. Es war wahr, es war alles wahr! Es war kein Traum.
Sie sah die Männer des Grafen, die sich mit Schwertern und Äxten und Speeren bewehrt gegen die Brut des Drachen verteidigten. Die meisten dieser Bestien waren recht klein, kaum größer als ein großer Hund, aber ein paar vereinzelte übertrafen die anderen Geschwister bei weitem. Größer noch als Pferde bäumten sie sich vor den Recken auf, die nur noch der Mut der Verzweiflung auf den Beinen hielt. Über allem thronte auf rotem Felsen die Burg des Drachen, die selbst entflammt war und wie ein Feuerauge auf das Schlachtfeld herabblickte.
Mit alledem wollte Irmengard nichts zu tun haben. Sie würde einen anderen Weg finden müssen, doch gerade als sie Kehrt machen wollte, kam aus dem Nichts flatternd und fiepsend eines dieser Echsenwesen auf sie zugesprungen. Sein Maul war mit messerscharfen Zähnen gespickt, die sich in ihren Arm gruben und eine tiefe Wunde hinterließen, dampfendes Blut spritzte aufs Gras. Panisch stach sie auf das schreiende Wesen ein, das keine Arme besaß, nur zwei weitgespannte Flügel und mit Krallen bewehrte Füße. Ihr Messer war stumpf, aber mit Gewalt trieb sie es in die glitschigen Halsschuppen der Echse, die so weich waren wie der unterentwickelte Panzer einer Käferlarve. Wieder und wieder stach sie zu, das Gekreische der Echse überschlug sich zu einem widerlichen Krächzen, ihr heißer Atem brannte in Irmengards Augen.
Endlich sackte das Biest über ihr zusammen. Ihr Körper schüttelte sich vor Ekel, als sie die Echse von sich warf. Atemlos starrte sie in die Nacht, da erblickte sie den schönen Chael. Der Sohn des Schmieds schwang sein Schwert ohne jede Kunstfertigkeit. Woher er es hatte, blieb Irmengard ein Rätsel, aber er führte es nicht weniger tapfer als die anderen hier versammelten Recken. Das Ungetüm, dem Chael gegenüberstand, war das schrecklichste von allen. Bedrohlich bäumte es sich über ihm zu seiner wahren Größe auf, ein markerschütterndes Gebrüll drang aus seinem Rachen. Er schnappte nach Chael, der gekonnt zur Seite auswich und sein Schwert wie eine Axt herabschnellen ließ. Getroffen krisch der Drache auf, Blut und Feuer strömten aus der Wunde und versengten das Gesicht des Tapferen.
Ein Krieger stürmte an Irmengard vorbei, den Speer zum Stoß bereit in die Höhe gereckt. Furchtlos stürzte er sich auf den Drachen, da kam aus dem Hinterhalt ein weiteres Echsenbiest gesprungen. Mit seinen Krallen durchbrach es sogar den stählernen Harnisch, schreiend vor Schmerz ging der Mann zu Boden. Schnaufend kraxelte er über den Boden, wollte sich gerade aufraffen, da schnappte das Maul der Bestie zu und riss ihn in die Höhe. Entsetzt sah Irmengard mit an, wie der Drache zubiss und den Rumpf des Mannes verschlang. Seine Beine, die bis eben noch hilflos umhergezappelt hatten, klatschten ins Gras.
Diesen Kampf konnten sie nicht gewinnen. Irmengard fuhr in sich zusammen, rief in Gedanken nach dem strahlenden Rittersmann, der kommen und sie alle retten würde. Wie um sie auszulachen peitschte ein finsterroter Blitz über die Burg hinweg. Niemand kam zu ihrer Rettung, doch sie würde nicht verzagen. Der Herrgott hatte ihr ein tapferes Herz gegeben, und sie würde kämpfen bis zum Schluss.
Mehrere Echsenkinder kamen auf sie zu. Wäre die Lust auf frisches Fleisch ihnen nicht ins Gesicht geschrieben, sie wären eigentlich recht niedlich anzuschauen gewesen. Mit einem hungrigen Fiepsen, das an frischgeschlüpfte Hühner erinnerte, tapsten sie ungeschickt näher.
„Irmengard!“, rief Chael, der sie erst jetzt erkannte. Der Drache schnappte nach ihm, aber der Schmiedesohn tauchte geschickt unter diesem Angriff hindurch, beachtete das widerliche Ungetüm nicht weiter. Hastig sprang er über die kleineren Drachen hinweg, enthauptete einen von ihnen im Lauf, und rannte auf Irmengard zu. Die Drachen quietschten wie plattgetretene Küken, als Chael sie der Reihe nach niederschnitt.
„Komm!“, rief er und fasste sie am Handgelenk, doch es war bereits zu spät. Der große Drache kam auf sie zugeschritten, die Flammen der Vergeltung loderten in seinem Maul. Gerade, als er eine wahre Feuersbrunst über den letzten noch lebenden Menschen von Busenberg entfesseln wollte, donnerte abermals dieser gräßlich grollende Schrei über den Nachthimmel hinweg. Er war derart schrecklich, dass sogar die Drachen allesamt zusammenzuckten. Wie ein Wolkenbruch hallte er noch lange nach, und als er schließlich verklungen war, breiteten die Drachen ihre Flügel aus und erhoben sich in die Lüfte. Ungläubig sahen die beiden mit an, wie sie davon flogen und bedrohliche Kreise um die Burg zogen.
„Bist du verletzt?“, fragte Chael, als er sich wieder gefasst hatte. Nach dem Tod ihres Mannes hatte er ihr immer schöne Augen gemacht, wenn er sie beim Wasserholen am Brunnen getroffen hatte. Jetzt waren seine Augen feucht und formlos wie ein aufgewühlter See. Ohne zu zögern schnitt er sich einen Fetzen von seiner Tunika und verband damit ihre Wunde. Der Schnitt war tief und Irmengards gesamter linker Unterarm wie von einer roten Kriegsbemalung überzogen.
„Drachen“, murmelte Irmengard, die noch immer nicht den Blick von den am Himmel schweifenden Ungetümen abwenden konnte, „leibhaftige Drachen. Gott steh uns bei.“
„Gott und Herr Jesus und alle ihre Erzenengel“, pflichtete Chael bei. „Wenn wir sie je gebraucht haben, dann jetzt. Denn diese Drachen waren nichts als eine harmlose Vorhut gewesen. Der echte Drache, das große Tier, ist erwacht, die sieben Siegel sind gebrochen …“
„Das große Tier“, wiederholte Irmengard. „Hast du ihn gesehen? Den Drachen?“
Chael nickte. „Seine Schwingen verschluckten den Mond, als er sich erhob und empor zur Burg flog.“
„Die Burg …“
Schlagartig verfinsterte sich seine Miene. „Der Graf und seine Männer sind dorthin. Ich fürchte um ihr Wohlergehen.“
„Fürchte nicht um diese Schweine“, sagte Irmengard mit einem bösen Auge und erhob sich. „Ein Tod im Feuer ist noch zu gut für sie.“
„Warte!“ Chael hielt noch immer ihren Arm fest. „Du willst doch nicht etwa …“
„Ich muss. Immi ist dort oben.“
„Deine Tochter? Aber wie … woher willst du das wissen?“
„Ich habe es im Traum gesehen“, sagte sie und riss sich los. „Du kannst mich nicht aufhalten. Ich muss.“
Mit einem lauten Glucksen schluckte Chael jede Furcht in sich hinunter. Er nickte schwerfällig, griff nach seinem Schwert und erhob sich. „Dann werde ich dich begleiten.“
Am Ende des Feldes erreichten sie einen alten Pfad, der empor zur Burg führte. Mit jedem weiteren Schritt wurde es wärmer und wärmer um sie herum, bis die Bäume zu brennen begannen und sich binnen weniger Augenschläge in Asche auflösten. Die Burg, die einst von prächtigen Buchen umringt wurde, stand jetzt auf kargem Felsen einsam in der Nacht, umgarnt nur von Flammen und besungen vom Gebrüll der Drachenbrut. Knochen der Vergangenheit wälzten sich aus rissigen Steinscharten heraus, grinsten sie verwegen an oder streckten hilfesuchend eine Hand nach ihnen aus. Ein Weg, gepflastert vom Tod, führte sie empor.
Vor ihnen erhob sich der Torturm. Der Durchgang glühte wie das Innere eines Schmiedeofens. Um das Tor verteilt lagen, zerstückelt und zerschmolzen, die Überreste der gräflichen Streiter. Noch jetzt verzog Irmengard voller Hass das Gesicht, als sie sein Wappen mit dem Drachen darin erkannte.
Über eine steile Treppe betraten sie die Vorburg. Der Hof war ebenfalls das reinste Schlachtfeld. Ein gerüsteter Krieger mit Brustharnisch wankte auf sie zu, streckte noch die Hand nach ihnen aus, ehe er niederfiel und sich nicht mehr regte. Als er bäuchlings vor ihnen lag, erkannten sie, dass eine ungeheure Macht seinen gesamten Rücken samt Stahlpanzer aufgesprengt hatte.
Vor einer eingestürzten Mauer fanden sie schließlich den Grafen persönlich. Sein linkes Bein war verschwunden. Nicht zerquetscht, nicht abgetrennt, sondern einfach gänzlich verschwunden. Geblieben war ihm nur ein blutiger Stumpf. Auch darüber sah sein Körper nicht sonderlich besser aus. Irmengard glaubte, einen zersplitterten Rippenknochen zu erkennen, der sich seinen Weg durch die Brust hindurch gebrochen hatte. Als er die Frau erkannte, lächelte er gehässig.
„Irmengard“, sagte er. „Deinen Namen höre ich heute nicht zum ersten Mal. Ich wusste immer, dass du das Weib des Teufels bist.“
Voller Hass blickte sie auf ihn herab, während Chael bedrohlich seine Klinge hob.
„Lass ihn“, sagte sie. „Soll er in seiner eigenen Lache versauern.“
Zögerlich drangen sie tiefer in die Burg hinein. Beide waren getrieben von der Liebe, nur Irmengard hatte Chael etwas vorraus. Sie wusste, wo sich das Herz des Drachen befand, wusste von seiner großen Schwäche für alles Weibliche.
„Du musst das nicht tun“, sagte sie, als sie vor dem Hauptturm angekommen waren. Mit milden Augen forderte sie ihn auf, einfach umzukehren und anderswo ein neues Leben zu beginnen.
Chael ergriff ihre Hand, nur ganz kurz, und für diesen einen Augenblick war er wieder der alte lieblächende Jüngling aus dem Dorf. „Ich lasse dich nicht allein.“
Wie um dieses Zeugnis der Zuneigung zu verspotten wurden die Tore des Turms von einem Donnerhall aufgestoßen. Einher mit diesem Donnerhall vernahmen sie laut und deutlich eine grollende Stimme: „I R M E N G A R D!“
Der Wind ließ ihre Locken flattern, war eisig und brannte doch auf ihrer Haut. „Er wartet auf mich.“
Abermals blieb Chael nichts übrig, als seine Angst zu schlucken und seinem Herzen zu folgen. Die Liebe, wie sie von den Minnesängern beschworen wurde, gab ihm ungeahnte Kräfte. Sein Tritt war sicher, sein Tritt war fest, als er die erste Stufe empor zum Turm nahm.
Das Gemäuer war alt und stickig, der Geruch von verbranntem Fleisch schlug ihnen entgegen. Wieder und wieder fielen sie der Finsternis anheim, die stoßweise von einem bedrohlichen Glühen vertrieben wurde. Fuß an Fuß, Schulter an Schulter, Herz an Herz drangen sie tiefer, als das Glühen zu einem blendenden Lodern heranschwoll.
Irmengard fühlte nur noch, wie Chael sie beiseite stieß. „Chael!“, schrie sie, doch ihr Schrei verblasste im Dröhnen der Feuersbrunst. Sein Gesicht verwandelte sich in eine furchtverzerrte Maske, in einen schwarzgetauchten Schemen, bis sich seine Züge gänzlich auflösten. Als die Flammen versiegten, war von Chael dem Schmiedesohn nichts geblieben als ein elendes Häufchen Asche. Entgeistert starrte sie auf auf den rußgeschwärzten Flecken herab, bis das Grollen ihres Namens abermals aus den Eingeweiden der Burg an sie herandrang.
„I R M E N G A R D!“
Weinend erhob sie sich, als ihr ein Funkeln auf dem Boden auffiel. Chaels Schwert lag unversehrt auf seiner Asche. Sie hob es auf, unfähig, es wirklich anzuheben, und trat dem Drachen gegenüber.
Vor ihr lag ein weiter Raum mit hohem Gewölbe. Entgegen aller Erwartung war er wohnlich eingerichtet. Statt unerträglicher Hitze herrschte hier wohlige Wärme, und der Gestank verbrannten Fleischs war zarteren, angenehmeren Düften gewischen, erweckte einen Anklang an das Zusammenspiel von Regen und trockener Erde. Dann erblickte sie, auf einem rotgepolsterten Sessel vor dem Kamin in steifer Haltung sitzend, ihre Tochter.
„Immi!“
Das Kind war alt genug, als Frau zu gelten, und doch würde Irmengard in ihr nie etwas anderes als ihre liebe, kleine Tochter sehen. Sie stolperte auf sie zu, fasste sie in ihre Arme und benetzte ihren schneeweißen Hals mit heißen Tränen.
„Was hast du nur?! Sag doch was!“
Irmengard die Jüngere blickte in die Flammen des Kamins, blickte in die Leere. Ihr ganzer Körper war so starr wie eine Eissäule, und doch ging eine ungewöhnliche Hitze von ihr aus. Allein die Berührung ihrer Hand schmerzte die Mutter so sehr, dass sie diese nicht lange aufrechterhalten konnte.
„Dem Kind mangelt es an nichts“, erklang plötzlich eine tiefe Stimme. Grollend, und doch geheimnisvoll und betörend. „Du hast mein Wort.“
Aus den Schatten kam ein wahrer Edelmann getreten. Hochgewachsen und von vornehmer Haltung, lange Seide das schwarze Haar. Gekleidet war er in feinstes Brokat, in das mit Goldfäden ein Flammenmuster eingearbeitet war. Darunter blitzte leichenblasse Haut hervor, die stellenweise von bronzefarbenen Flecken überzogen war.
„Wer bist du?“, fragte Irmengard, die beim Anblick dieses Mannes jeden Hass und jede Furcht und jedes noch so innigerlebte Gefühl vergaß.
„Du weißt es.“ Sein Ausdruck war geradezu despektierlich, ein Schelmenschmunzeln entstellte und erhellte seine Züge zugleich. „Erinnerst du dich nicht daran, wie wir gemeinsam geflogen sind?“
„Es war nur ein Traum, es waren nur Träume …“ Sie sagte das nicht aus Überzeugung.
Die Mundwinkel hüpften zu einem Lächeln herauf. „Aber es war mein Traum. Mein Traum, den ich dir geschickt habe. Weil du meine Auserwählte bist.“
„Auserwählt? Wozu?“
„Du weißt es.“
Alle Wärme, die noch in Irmengards Körper gespeichert war, sank plötzlich herab und glühte mit nie gekannter Inbrunst zwischen ihren Schenkeln. Kalt waren ihre Wangen, kalt war ihr Herz, aber Feuer war ihr Verlangen.
„Du willst meine Liebe?“, fragte sie und fühlte, wie der Hass in sie zurückkehrte. „Wie könnte ich ein solches Wesen lieben, das nichts als Zerstörung für die Welt bereithält? Wie könnte ich jemanden lieben, der meine eigene Tochter an sich reißt, nur um an mich heranzugelangen? Ein solches Ding wie dich kann ich niemals lieben.“
„Nicht Liebe“, sagte der Drache und vollendete das Lächeln zu einem boshaften Grinsen. „sondern Unterwerfung allein ist es, wonach ich verlange. Unterwirf dich mir und dein Kind soll so frei sein wie der Wind.“
Der Handel wurde vollzogen, wie von allein, wie von höherer Macht erzwungen. Irmengard lag dem Drachen zu Füßen und hörte noch das eisige Klirren von Chaels Schwert, das auf den Steinplatten aufschlug. Sie sah noch, wie das Gemäuer der Burg in sich zusammenfiel, wie ein aschetragender Wind die Glut durch eine schwarze Nacht peitschte, wie die Züge ihrer Tochter rissig und spröde wurden und wie sie sich auflöste in diesem Wind.