Heimat & Entfremdung

Von den Sternen kommen wir, zu den Sternen gehen wir.
Das Leben ist nur eine Reise in die Fremde.

Walter Moers

Ungefragt, sagt der Philosoph Martin Heidegger, werden wir in diese Welt geworfen. Kaum sind wir dazu in der Lage, die Angebote unserer Mitmenschen aufzufassen, erklärt man uns, wo wir Zuhause sind. Fällt es uns als Kind noch relativ leicht, das gewohnte Umfeld als Heimat zu begreifen, so geraten wir mit zunehmenden Alter mehr und mehr in eine Situation der Rechtfertigung. Wo genau ist denn eigentlich diese Heimat? Endet Heimat dort, wo man die elterlichen vier Wände verlässt? An den Grenzen der eigenen Stadt oder Region, mit denen man eine gewisse Kulturprägung gemeinsam hat? Oder zählt noch das gesamte Land, gar das willkürliche Konstrukt der Nation hinzu?

Die üblichen Antworten auf diese Fragen regen dazu an, sich Gedanken darüber zu machen, ob der zufällige Ort unserer Geburt eine gute Rechtfertigung für unsere Identität ist. Denn wer von Heimat spricht, spricht ja immer auch von Identität. Wir sind Deutsche, Türken, Italiener – oder fassen uns präziser als Schwaben, Anatolier oder Römer auf. Aber haben diese zufälligen Randnotizen in unserer Biographie denn wirklich einen Einfluss darauf, wer wir sind? Oder besser gefragt: sollten sie es haben?

Unsere Kultur formt uns. Wir lernen die Sprache unserer Eltern und darüber hinaus vermittelt man uns gewisse, angeblich kulturbedingte Werte. Doch sind die Werte, die wir in unserer westlichen Welt heutzutage wertschätzen – Demokratie, Freiheit, Gleichheit – wirklich ein Produkt unserer kulturellen Prägung? Wurden sie nicht viel mehr durch ein ständiges rationales Hinterfragen, durch ein konstruktives Mit- und Gegeneinander entwickelt? Und wurden diese Entwicklungen nicht insbesondere von gerade denjenigen angestoßen, die sich eben nicht mit ihrer Heimat und den althergebrachten Traditionen identifizieren konnten?

Wer in unserer globalisierten Welt rational darüber nachdenkt, was genau er als seine Heimat bezeichnet, muss sich zumindest eingestehen, dass Heimat kein fixer Punkt auf Erden sein kann. Wer nach einigen wenigen Jahren der Wanderschaft in seine Heimatstadt zurückkehrt wird unmittelbar mit dem Wankelmut der heutigen Welt konfrontiert. Ein Schlag ins Gesicht, wenn die alte Schule einem Parkplatz, der Eichenbaum draußen auf dem Feld einem Sportstudio oder die Wiese einem Neubaugebiet gewichen ist. Schon sehen wir Kinder in diesem Umfeld eine neue Heimat finden, und wissen längst, dass auch sie eines Tages als Fremde zurückkehren werden. Eine Identität, die sich an solchen Eckpunkten festzumachen sucht, muss zwangsweise zerbröckeln.

Was bleibt, ist die Rolle als Weltbürger, als Nomade der Moderne, als Kosmopolit. Unser globales Zeitalter bietet hier mehr Anknüpfungspunkte denn jemals zuvor. Ob kulinarisch, modisch oder religiös; in jeder größeren Metropole können wir uns die Kirschen aus dem Kuchen picken und uns von jeder Kultur das einverleiben, was uns am besten gefällt. Patchwork-Identität der Marke Eigenbau.

Ganz zufällig verweist unsere moderne nomadische Lebensweise aber auf das, was jedem Heimatbegriff erst einen Sinn verleiht: nämlich die Menschen, die eine Heimat bewohnen. Wie leer, bedrohlich, unheimlich wirkt das alte Haus der Eltern, wenn die Eltern längst verstorben sind?  Wie fremd die Straße, in der man aufgewachsen ist, wenn man kein Gesicht dort wiedererkennt?

Nur, wenn es ausgerechnet unsere Mitmenschen sind, die uns ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit vermitteln; warum geben wir uns dann solche Mühe, uns permanent von ihnen abzugrenzen? Weshalb ziehen wir auf unserer Karrierejagd um die halbe Welt, ohne dabei jemals Fuß zu fassen? Weshalb lernen wir unzählige Menschen kennen, nur um sie bald darauf schon wieder zu vergessen? Glauben wir der Datenbank unserer sozialen Medien, besitzt der Durchschnittsmensch heutzutage mehr Freunde als je zuvor. Doch irgendetwas scheint uns zu fehlen, irgendetwas treibt uns weiter an.

Wenn nicht der Ort unserer Geburt, nicht unsere wankelmütige Kultur und auch nicht die Beziehungen zu unseren Mitmenschen genügen, um den Heimathunger unserer Herzen zu stillen; was bleibt dann noch außer einem marternden Gefühl der Entfremdung?

Wer sich fremd fühlt in der Welt, den treibt letztendlich nur die Sehnsucht an. Die Sehnsucht nach Heimkehr, nach dem Ursprung, die Sehnsucht nach dem Außerweltlichen. Sehnsucht nach dem Tod. Worauf lässt sich unser destruktives Verhalten unserer Umwelt und ihren Geschöpfen gegenüber denn zurückführen, wenn nicht auf einen angstgeborenen Zorn auf alles Fremde? Ob wir nun glauben, die Erde von unseren Eltern geerbt oder von unseren Kindern geborgt zu haben, es bleibt dasselbe Märchen vom Anderssein, vom Fremdsein in der Welt.

Wie also können wir Heimatlosen Identität finden in dieser Welt?

Was, wenn es gerade dieses unaufhörliche Ringen um eine Identität ist, das uns von der Welt entfremdet? In unserem kläglichen Versuch, uns selbst zu finden und zu beschreiben, uns zu definieren und festzulegen, spüren wir gar nicht mehr, dass wir uns dabei aus der Weltengleichung herausnehmen. Von Kleinauf reden wir uns ein, ein eigenes Individuum zu sein, das nur in Abgrenzung von der Welt existiert. Die ganze Welt gegen uns. Unser Geist hat die wundervolle Fähigkeit, jedes Ding in seine Einzelteile zu zerlegen. Dank unserer Analysetätigkeit haben wir die Welt zu großen Teilen schon entschlüsselt, und weitere Erkenntnisse werden gewiss folgen. In unserem Bemühen aber alles zu sezieren übersehen wir die banale Tatsache, dass die Welt in Wahrheit nicht aus unvollständigen Einzelteilen besteht.

Wir sind ein Lied, sind Sinfonie. Selbst der schönste aller Töne kann alleine nie über sich hinaus klingen. Erst in seinem Kontrast, in seiner Verschiedenheit zu anderen Tönen geht daraus eine Melodie hervor, nur gemeinsam erklingen die Melodien zu einem Lied, und nur gemeinsam erklingen auch wir Menschen. Wie aber wollen wir unsere Einheit begreifen, wenn dieses unaufhörliche Ringen um Identität uns ständig weismachen will, eigentlich ein eigenes zu sein? Ein für sich? Ein einsames Ding?

Wer bin ich?

Es ist diese Frage, die im Herzen aller Einsamkeit und Entfremdung schlummert. Eine Frage, auf die uns weder unsere Herkunft noch unsere Kultur eine Antwort gibt. Eine Frage, die uns von unseren Mitmenschen abgrenzt, die sie zu bloßen Statisten im filmhaft abgespulten Leben eines deiktischen Zentrums verdammt.

Die Frage nach der eigenen Identität – heruntergebrochen auf die prägnante Formel Wer bin ich? – ist so alt wie die Menschheit selbst. Die runenhaften Weisheiten eines Laotse oder Siddhartha Gautama, eines Meister Eckhart oder Heraklit verweisen alle in dieselbe Richtung und scheinen sich mit Erkenntnissen der modernen Neurophysiologie zu decken: dass es ein entgültiges Ich nicht gibt. Dass unsere Identität ein fortlaufendes Konstrukt ist, das in Wechselwirkung unserer Gedanken mit der Umwelt entsteht. Doch wer genau ist dann eigentlich derjenige, der diese Gedanken denkt? Und ist dieser ungreifbare Geist, dieser stille Beobachter, dieses Bewusstsein denn nicht identisch mit unserer Identität?

Cogito ergo sum.

So oft wir die Tür zur eigenen Identität auch durchschreiten, dahinter erwartet uns doch immer nur dieselbe Tür. Gleich dem Ouroboros beißt sich diese Frage immer in den eigenen Schwanz. Wir können, so die traurige Auflösung, niemals eine zufriedenstellende Antwort finden.

Doch ist es wirklich eine traurige Auflösung? Die Suche nach der eigenen Identität aufzugeben ist keine Unterwerfung an ein bitteres Weltgesetz. Wer könnte denn auch unterworfen werden? Wo kein Kläger, da kein Richter. Und im selben Atemzug überwinden wir auch unsere Entfremdung von der Welt. Entfremdet sein kann nur, was sich abgrenzt. Wer das Phantom seiner Selbst zu bannen vermag – und sei es nur für einen winzigen Moment der Erkenntnis – der verliert womöglich seine Identität. Im Gegenzug aber erhält er die ganze Welt zum Geschenk.

Wir wurden nicht in diese Welt hineingeworfen, wir sind kein Fremdkörper oder Parasit, der diesen unschuldigen Planeten befallen hat. Wir sind aus der Erde, aus der Welt hervorgegangen wie der Apfel aus dem Apfelbaum. Es liegt an uns, ob wir unsere kurze Zeit auf dieser Welt als eine Reise in die Fremde empfinden oder ob es uns gelingt, in der Heimat des Augenblicks anzukommen.

Corona Oststadt Cruise

Alles im Leben hat seine Vorteile, alles im Nebel hat seine Nachteile. Binsenweisheit, schon klar. Dafür bist du schließlich hergekommen. Wie gesagt, ich habe nichts zu bieten – und davon jede Menge. Keine besonderen Einsichten, keine schockierenden Enthüllungen oder weltbewegende Offenbarungen. Alles, was ich zu sagen habe, wurde bereits tausendfach gesagt. Aber es lohnt sich, es auch ein tausend und erstes Mal zu erzählen.

Das schönste an der momentanen Lage ist die Stille. Wir schreiben das Jahr 2020. Der holde, belebende Blick des Frühlings streift Deutschland in diesen Tagen. Während tagsüber plötzlich alle das Spazierengehen neuentdeckt haben, sieht es nach Einbruch der Dunkelheit gänzlich anders aus. Deutschland ist abgeriegelt. Seine Bürger eingesperrt. Wobei – das klingt so nach Fremdzwang, nach Staatsgewalt. Wir wurden nicht eingesperrt. Und auch wenn unsere Türen verschlossen sein mögen, unsere Herzen sind doch offener denn je zuvor. Nein, wir wurden nicht eingesperrt. Wir haben uns aus freien Stücken zurückgezogen, und manche wagen sich kaum noch nach draußen. Wenn sie es dann einmal sind, können sie die Sonne kaum genießen.

Mir war die Sonne stets egal. Man könnte sagen, wir haben eine komplizierte Beziehung zueinander. Womöglich findet dieses Jahr noch so etwas wie eine Versöhnung statt. Alles in allem aber bin ich eine Nachteule. Ich schlendere gerne durch die Straßen, wenn die Laternen ein Schattenmuster auf die reichhaltigen Fassaden der Oststadt zaubern. Ich genieße den Sternenhimmel, und mag er über Mannheim noch so karg sein. Ich bewundere das Farbenflimmern und Zusammenspiel der unterschiedlichen Lichter, von goldengelb über leseblau bis flutlichtweiß. Und ich liebe die Stille.

Stille. So etwas gibt es in der Großstadt genauso wenig wie echte Dunkelheit. Gut, Mannheim ist noch überschaubar und es hat tatsächlich seine abgeschiedenen Ecken. Zwischen Oststadt und Jungbusch, zwischen Neckarstadt und City-Core aber herrscht immer irgendwo irgendein Trubel.

In diesen Tagen aber: Stille. Alles still, sagt Theodor Fontane wenn er vom Winter spricht. Tatsächlich erinnert diese Stille an eine frühe Winternacht mitten in einer Spätnovemberarbeitswoche. Nur, dass wir einen lauen Samstagabend im April haben und dass die Stadt eigentlich vor aufblühendem Leben pulsieren müsste! Autos müssten sich gegenseitig über die Schnellstraßen jagen, voller halbtrunkener Beifahrer, die nicht schnell genug den nächsten Club erreichen können. Gruppen gröhlender Jugendlicher müssten umherstreifen, die Musik müsste aus den Bars hämmern, die Dönerbuden für einen schnellen Bissen zwischen den Bieren überbersten. Stattdessen aber lichterlose Schaufenster, zugeklappte Fensterläden und übereinandergestapelte Stühle vor den Cafés.

Und Stille, durchbrochen nur vom Klacken einer Fahrradkette und dem Geraschel einer Katze im Gebüsch (ich habe noch nie so viele Katzen in Mannheim gesehen! Es gibt sie also doch …) Die meisten Menschen haben Angst vor der Stille oder vermeiden sie doch zumindest. Stille kennen sie nur als peinliches Schweigen, nicht aber als die Achtsamkeit des Lauschenden. Es gibt keine Stille, jedenfalls nicht in unserer gewohnten Welt. Irgendetwas raschelt immer, irgendwo dröhnen immer die Motoren, und hinter einer Häuserreihe heult der Wind. Hören kann man das erst, wenn die Welt kollektiv für einen Augenblick den Atem hält. Dann merkt man, dass die Stadt nicht ausgestorben ist. Dass sie nur ein wenig vor sich hin döst, schnarcht. Und dass sie morgen schon mit neuen Kräften sich erhebt.

Bis dahin aber lasst uns die Stille genießen. Wer weiß, was wir darin hören.