Bahnhof, irgendwo am 1. Mai 2992 AD

Als der Reisende erwachte und weder wusste, wo, noch wann, noch wer er war, bekam er es mit der Angst zu tun.
Laut und hektisch war es überall um ihn herum. Pfeifen wurden gestoßen und zischende Züge rollten mit Donnergetöß von Gleis zu Gleis. Überall drückten sich die Menschen aneinander vorbei und bildeten ein undurchdringliches Gewirr aus Formen und Farben. Es waren Menschen aller Herrenländer, große und kleine, dicke wie dünne, alte und junge. Schreiend und suchend stürzten sie umher.
Der Reisende hatte Mühe, sich von dem stählernen Korbgeflecht zu erheben, auf dem er saß. Kalt war diese Bank und unbequem. Wie hatte er nur so lange darauf schlafen können? Andere Reisende dösten ebenfalls auf dieser oder ähnlichen Banken, die über das ganze Gleis verteilt standen. Weder zu seiner linken noch seiner rechten konnte der Reisende das Ende dieses Gleises vernehmen, nur Menschen und Schilder und Treppen und Züge. Der gegenüberliegende Bahnsteig, Gleis 8328, der Beschriftung nach zu urteilen, war ein exaktes Ebenbild seines eigenen Bahnsteigs. Dahinter schloss sich noch ein weiterer Bahnsteig ein und dahinter ein weiterer und dahinter ein weiterer und immer so fort, so weit sein müdes Auge fähig war, das Halbdunkel aus Neonlichtern zu durchdringen.
Bei sich trug der Reisende nicht viel. Eine lederne Tasche und einen grauen Mantel am Leib. An seinem Handgelenk hing eine schnörkellose Uhr, aber deren Zeiger waren krumm und das Ziffernblatt verschwommen.
„Sind Sie Herr Körner?“, fragte ihn plötzlich eine Stimme. „Stehen Sie auf!“
Dem Reisenden klang dieser Name nicht vertraut, aber der fremde Mann deutete auf eine beschriftete Bandschnalle, die an seinem Reisemantel hing.
„Ich bin Herr Forsch. Nun los, stehen Sie bitte auf!“, drängte der fremde Mann namens Herr Forsch.
Endlich schaffte es Herr Körner, sich zu erheben, aber seine Beine waren taub und wackelig.
„Lernen Sie laufen“, riet Herr Forsch, „das ist ein guter Anfang.“
Herr Körner machte ein paar Schritte, und während er an Gepäckstücken und verlorenen Gesichtern vorbeistolperte, dachte er über die ihm entfallenen Umstände seiner Anwesenheit an diesem Ort, des momentanten Zeitpunkts und seiner Person nach. Nichts davon wollte ihm wieder einfallen, aber ein wichtiges Detail machte sich mit schmerzender Dringlichkeit in seinem Geist bemerkbar: er musste seinen Zug erreichen! Verzweifelt schaute er sich um.
„Das ist ja ein verfluchter Irrgarten“, jammerte Herr Körner und wandte sich an Herrn Forsch. „Können Sie mir sagen, wo und wann mein Zug abfährt?“
„Ha! Jeder hier muss seinen Zug erreichen. Glauben Sie denn, Sie seien etwas besonderes? Genaugenommen bin ich gerade deshalb zu Ihnen gekommen, weil man mir versicherte, Sie könnten mir helfen, meinen Zug zu erreichen. Also los, spucken Sie’s schon aus, ich hab es eilig!“
„Es tut mir Leid, aber ich weiß absolut nicht, wie ich Ihnen weiterhelfen könnte.“
Herr Forsch verlor das bisschen an Geduld, das ihm noch geblieben war, und fiel über den Reisenden her, krempelte jede seiner Manteltaschen um und durchsuchte das kleine Täschlein, das Herrn Körner mit auf den Weg gegeben war.
„Nichts, wieder nichts!“, donnerte Herr Forsch. „Man hat mich wieder einmal reingelegt!“
„So warten Sie doch“, rief Herr Körner dem abziehenden Herrn Forsch hinterher. „Wo finde ich denn nun meinen Zug?“
„Studieren Sie die Pläne!“, erwiderte Herr Forsch, indem er sich noch einmal umwandte. „Mir hat es nicht geholfen, aber vielleicht haben Sie ja Glück!“
Verloren und verlassen, wie alle Reisenden an diesem Ort, schlurfte Herr Körner zu einem der umwimmelten Schaukästen, in denen die gelben Pläne mit den Abfahrtszeiten aushangen. Ein ganzes Leben oder gar mehr hätte man mit dem Studium jenes Plans verbringen können. Ohnehin fiel es ihm schwer, einen genauen Blick über die anderen Reisenden hinweg auf den Plan zu werfen, aber als er das Monster aus Tabellen und Diagrammen und Formeln und Algorithmen für eine Weile seziert hatte, verließ ihn gänzlich die Hoffnung. Auf diesem Plan standen einzig und allein die Abfahrtszeiten der Züge dieses Gleises!
„Bahnsteig 38292zzab!“, geiferte ein altes Mütterchen durch ihren zahnlosen Mund, eine zerbrochene Brille auf der Nase und Wahn in den Augen. „Da kommt ein Zug, der uns zu Gleis 9439 bringt, und dort müsste dann unserZug kommen!“
„Du bist vielleicht ein altes Scheuerweib!“, blökte ihr Gatte zurück, ein Mann mit grauem Haar und hübschem Melonenhut. „Nie im Leben steige ich in diesen Zug, dann verpassen wir unseren Zug ja ganz sicher! Ich sage, wir bleiben hier und studieren weiterhin den Plan!“
Herr Körner wurde derweil von einer Horde Neuankömmlinge verdrängt und konnte sich gerade noch in Sicherheit begeben, denn in ihrem Ansturm auf die Abfahrtspläne gingen sie derart rücksichtslos vor, dass sie das arme alte Pärchen und andere am Schaukasten zu Tode quetschten.
Verzweifelt wanderte Herr Körner weiter am Gleis entlang. Egal, wohin er blickte, überall sah er das Gleiche, also stieg er eine der vielen Treppen empor und fand sich in einer weitläufigen Bahnhofshalle wieder. Auch hier schlängelten sich die Menschen in Scharen aneinander vorbei, ohne jeden Anstand und ohne jede Rücksicht, aber hier war es weniger beengt als auf den Gleisen und bei weitem nicht so düster. Über sich sah er große, gewölbte Fenster, hinter denen ein milchigweißer Himmel zu vernehmen war, gleichförmig und endlos und ohne ein Zeichen der Sonne. Ferner gab es oben unzählige Geschäfte und Läden, kleinere Stände und Fressecken, Cafés und gutbesuchte Fast Food Restaurants. Aber niemand nahm sich die Zeit, sich zu setzen. Alle aßen nur um Stehen und im Gehen. Auf den Stühlen und Bänken schliefen die Reisenden, die noch nicht wussten, dass sie verloren waren.
„Halt, stehenbleiben!“, rief ein Mann in blauer Uniform und roter Schirmmütze. „Was glauben Sie eigentlich, wo Sie hingehen?“
„Ich … ich muss meinen Zug erwischen!“
„Na, da sind Sie nicht der einzige. Wenn Sie die Halle durchqueren wollen, müssen Sie aber erst einmal einen Dienst verrichten.“
„Was für einen Dienst denn?“
„Irgendeinen halt! Da hinten ist die Schlange für die Dienstsuchenden. Am besten holen Sie sich gleich einen Kaffee und eine Brezel, wenn sie anstehen, denn später haben Sie dazu gewiss keine Zeit mehr.“
In seiner ledernen Umhängetasche fand Herr Körner ein wenig Kleingeld, von dem er eine Brezel und ein süßes Getränk erstehen konnte. Ungeduldig trat er in die lange Schlange, tat es den anderen Reisenden gleich und warf immer wieder einen Blick auf seine nutzlose Uhr, die nicht mehr als die Idee seiner Vergänglichkeit war. Als er endlich an der Reihe war – es mussten Tage vergangen sein – wurde er von einer unfreundlichen Frau begrüßt, die mit ihrem engen Bürostuhl geradezu verwachsen schien. Mürrisch brummend rollte sie umher, vom Drucker zum Kopiergerät und wieder zurück zum Schalter, an dem Herr Körner stand.
„Ich soll mich hier melden. Aber eigentlich bin ich auf der Suche …“
„Nach Ihrem Zug, ja, ja. Da kann ich Ihnen nicht helfen“, sagte die Frau und stempelte eine Dienstkarte sowie eine ganze Reihe an amtlich anmutenden Dokumenten für Herrn Körner. „Nehmen Sie die Formulare A38, G91 bis H7 und sicherheitshalber A38b und melden Sie sich bei Herrn Spieß an Schalter 99. Ausweis nicht vergessen! Der Nächste!“
Herr Körner tat wie geheißen, meldete sich bei Herrn Spieß, bekam Uniform, eine Schippe und eine lange Zange zum Müllsammeln ausgehändigt und ehe er sich versah, waren sieben Jahre vergangen. Sein Zug, das wusste er, das wusste jeder, war noch nicht abgefahren. Da war immer dieses brennende Gefühl in ihm vorhanden. Dass die Zeit zwar allmählich knapp wurde, aber dass er noch immer ein bisschen Zeit hatte. Ein bisschen länger, nur noch ein bisschen länger.

Noch hatte er also Zeit, das verworrene System dieses Bahnhofs zu hintersteigen und rechtzeitig ans rechte Gleis zu gelangen. Je mehr Zeit er auf dem Bahnhof verbrachte, desto mehr Menschen lernte er kennen. Die allermeisten waren fleißig und strebten danach, den Zug zu erreichen, aber es gab auch besondere unter ihnen. Da gab es beispielsweise eine Sekte, die behauptete, der eine Zug existiere gar nicht innerhalb, sondern außerhalb dieses Bahnhofs! Man könne ihn also gar nicht rechtzeitig erreichen, nicht in diesem Leben, sondern nur um Jenseits. Der Knackpunkt allerdings war – und einen Knackpunkt gab es immer! – dass man den Fahrschein schon im Diesseits einlösen musste. Um das zu gewährleisten, musste man sich an gewisse Regeln halten. So durfte man beispielsweise keine Metbrötchen bei einem der fünfzehnmillionen Bäcker der Bahnhofshalle verspeisen, man durfte nur an Werktagen arbeiten und musste an den anderen Tagen einen der Fahrpläne studieren und man musste im Laufe seines Lebens mindestens zehn andere Menschen bekehren. Auf diese Weise verbreiteten die Jünger dieser Lehre ihre Warnungen und bekehrten manch einfältigen Pinsel. Auch Herr Körner gehörte ihnen eine Zeit lang an, denn er hatte große Angst davor, was geschehen würde, wenn er im Jenseits den Zug ohne gültigen Fahrschein betreten würde.
Andere Gruppen wiederrum lachten über die Jünger dieser Lehre, denn es gab außer alten Büchern und Gerüchten vom Hörensagen keinerlei Beweis für ihre Annahmen. Diese Männer und Frauen waren wahrhaftige Freigeister! Mit Hilfe selbt gebauter Apparaturen und selbst erdachter Regelwerke vermaßen sie das winzige bisschen des Bahnhofs, das sie zu Gesicht bekommen konnten, und zogen daraus Schlüsse über die gesamte Bahnhofsfülle. Die Lichter, die man in der Ferne sah, das Geräusch der Dampfpfeifen, der bröselnde Putz an den Wänden, alles besaß eine durchschaubare Regelmäßigkeit. Herr Körner, der in seiner Zeit als Müllsammler weiterhin fleißig die Abfahrtspläne studiert hatte, verstand etwas von Zahlenkunst und Rechenspiel, und er begriff die unwiderlegbare Logik ihrer Argumente. Und die Annahmen, welche diese Männer und Frauen aufstellten, waren geradezu atemberaubend! Der Bahnhof sei unendlich groß! Der Bahnhof dehne sich aus! Der Bahnhof habe einst an einem einzigen Punkt existiert und war kleiner noch als das kleinste Kümmelkörnchen, das sie unter ihren Apparaturen observieren konnten.
Aber so schwerwiegend die Erkenntnisse dieser Herren und Damen auch waren, so bedeutungslos waren sie andererseits für Herrn Körner, denn sie verrieten nicht das geringste bisschen darüber, wann und wo sein Zug denn nun abfahren würde. Schlimmer noch, er fing sogar an, daran zu zweifeln, ob es den einen Zug überhaupt gab.
Und diese Zweifel waren ansteckend und befielen die Reisenden bald überall. Große Scharen langer Gesichter sah man nun, wie sie ziellos durch die Hallen schlurften, nicht wissend, was sie zu tun oder zu lassen hatten. Die Suche nach ihrem Zug hatten sie aufgegeben, aber nur scheinbar; denn immer dort, wo man noch vom einen Zug flüsterte und tuschelte, erhellten sich ihre Augen wieder und waren von demselben Funken ergriffen, der sie einst beseelt hatte. Aber es hielt nie lange an.
Herr Körner trottete traurig durch die Halle, reinigte die Gleise und tat, was ihm die Jüngeren auftrugen, die noch den Zug vor Augen hatten oder die an einen Zug im Jenseits glaubten. Herr Körner aber sah die Menschen sterben, ohne dass diese je ihren Zug erreicht hätten. Er sah die Jünger der Jenseitslehre predigen und sich gegenseitig gängeln. Er sah die Herren und Damen auf ihrer endlosen Suche nach Wahrheit immer weiter vorrandringen, aber den Zug fanden sie nicht. Er sah die Jungen und Alten auf ihren tausend verschiedenen Wegen ins Grab. Er sah die krummen Zeiger seiner Uhr und er wusste, dass sein Ende bevorstand. Und er sah einen Mann auf einer Stahlbank sitzen, aber dieser Mann schlief nicht, dieser Mann hatte hellwache Augen und ein liebliches Lächeln umspielte seine Lippen. In seiner Verzweiflung setzte sich Herr Körner zu ihm.
„Hast auch du es verstanden?“, fragte der wache Mann.
„Was verstanden? Dass man den Zug nicht finden kann?“
„Nein“, sagte der wache Mann. „Das meinte ich nicht. Hast du aufgeben, den Zug zu suchen?“
„Nein“, sagte Herr Körner mit einem Schulterzucken. „Aber ich habe die Hoffnung verloren, ihn jemals zu finden.“
„Ein gewaltiger Unterschied. Und doch spielt es keine Rolle.“
„Was spielt keine Rolle?“, fragte Herr Körner.
„Sieh die Menschen“, sagte der wache Mann mit weiter Geste. „Sieh, was sie tun. Manche plagen sich ein Leben lang, den Zug zu finden. Manche glauben an Märchen, manche hinterfragen diese. Manche sammeln Müll und manche stehen in einer langen Schlange. Unter jedem von ihnen gibt es einen kleinen Teil, die lächelnd ihre Tätigkeit verrichten, und weißt du, weshalb sie lächeln?“
Herr Körner schüttelte den Kopf, starrte in die unergründlichen Augen dieses Mannes.
„Sie lächeln, weil sie begriffen haben, dass es keine Rolle spielt, was sie tun.“
„Sie haben begriffen, dass man den Zug nicht erreichen kann“, befand Herr Körner und blickte auf seine Uhr, deren Zeiger sich aufzulösen begannen.
„Nein“, sagte der wache Mann und sein Lächeln wurde breiter. „Sie haben das verborgen Offensichtliche begriffen, den sinnfreien Widerspruch, das unerhört Unsinnige, das undenkbare, alles Leid auflösende Geheimnis. Sie wissen es und darum müssen sie nicht nach dem Zug suchen und können tun, wonach ihnen der Sinn steht. Ich weiß es auch. Willst du es wissen? Soll ich es dir verraten? Oder bist du bereits dabei, es selbst zu erkennen?“
Herr Körner blickte empor und fühlte die Bewegung des Bahnhofs, von der er und sie alle getragen wurden. „Der Zug und der Bahnfhof“, murmelte er grinsend, „sind ein uns dasselbe.“
„Darum spielt es keine Rolle, was jemand tut. Ob sie nun suchen oder längst aufgegeben haben, ob sie noch Hoffnung in sich tragen oder nur Verzweiflung, es spielt keine Rolle, denn sie alle haben den Zug längst gefunden. Glücklich sind wahrhaft jene, die es herausgefunden haben und ihre Zeit an diesem Ort genießen, anstatt mit einem falschen Ziel herum zu irren, Geld zu sammeln und Pläne zu studieren.“
„Und was ist mit jenen Suchenden, Irrenden, Leidenden?“
„Glücklich sind in Wahrheit auch sie, nur wissen sie es eben nicht.“
„Wäre es nicht gütiger, ihnen zu sagen, dass sie den Zug längst erreicht haben?“
„Man kann es ihnen sagen, verstehen aber müssen sie es selbst.“
„Aber es muss doch einen Weg geben, ihnen zu helfen?“
„Genau das tue ich“, sagte der wache Mann, „indem ich hier sitze. Ich sitze und warte.“
„Sie warten?“, fragte Herr Körner und sah ein letztes Mal in die wachen Augen des Mannes. „Worauf?“
„Darauf, dass wir ankommen.“