Höhlenhelden, Drachenzauber

Es war einmal ein Held, ein kleiner.
Angelangt am Ende seiner Jugend
beschloss er kurzerhand,
dass ihm die Welt nicht mehr gefällt.

Was nützte all das liebe Lachen,
wenn’s wütend immer widerhallend,
zu fremden Ufern rüber schallend,
stets stecken blieb in seinem Rachen?

Der Held nämlich war freudenfern,
war Kummerkind, mit Herze schwer.
Vergoß so manchen Tränenfluss,
die hatte er im Überschuß.

Die Menschen war’n ihm überflüssig
Das Leben schien ihm zäh und müßig.
Wohin er trat, wohin er sah,
nur Schmerz, nur Leid, Jahr für Jahr. 

War denn da keiner, wirklich keiner?
Kein Erdenfreund, der Anteil nahm,
nur Diebe, Schurken, böse Neider,
kein klitzekleiner Kummerteiler,
nur Teufelsbrut und Höllenschar,

ansonsten keiner, wirklich keiner?

So warf der Held sein schweres Joch,
und grub sich selbst ein tiefes Loch,
eine Höhle, fast geschafft.
Von finstern Felsen fest umfasst.
Entfloh er aller Weltennöte.

In seiner ersten kalten Nacht,
geschah ihm Wunder-, Zaubermacht!
Blitzeslicht und Funkengrelle
erhellten schnell die hohle Höhle.

Puff – graugelockt und graugehaart,
stand da,
ein Zauberer auf seiner Schwelle.

Ein Zauberer – wie sonderbar!

Da sprach der Mann mit Haaren grau:
Dich, du Held in deiner dunklen Höhle,
hat die Welt da draußen, schöne
gerade eben noch gebraucht.

Drum hurtig, hurtig losgefahren,
zu Heldentat, ergreif das Schwert!
Schenke mir nur sieben Jahre,
der Welt zum Dienst – sie ist es wert.

Lass uns einen Drachen jagen,
fangen, foltern, endlich dann erschlagen
befrei die Welt von dieser Plage,
und schreibe deine eig’ne Sage.

Na, was sagst du? Eingeschlagen?

Der Lohn, der dir für deine Müh‘ beschieden,
sei ohne Zweifel unbescheiden.
Wissen, Reichtum, Macht und Liebe,
schlag ein – ich will’s dir nicht verleiden.

Unser Heldlein, klein und schmächtig,
fühlt sich plötzlich groß und mächtig.

Drauf gepfiffen – eingeschlagen!
Zum Schwert gegriffen – lass uns einen Drachen jagen!

Sieben lange Jahre,
vom Winde fortgetragen.
Sieben lange Jahre,
den Drachen zu erschlagen.

Sieben lange Jahre,
vergebens alle Müh‘.
Sieben lange Jahre,
den Drachen fand er nie.

Stattdessen fand er Königreiche,
von Kindeszwist entzweigerissen,
sah Birke, Buche, Eibe, Eiche,
zu Ascheklumpen niederfließen.

Sah Mensch und Tier im Widerstreit,
sah sie einander fressen,
sah Kummer wieder, Schmerz und Leid,
sah alles, was vergessen.

In hohler Hirneshöhle lacht,
der Zauberer, gar ungehalten.
Hast, tumber Tor, denn du gedacht
dass ich mein Wort tatsächlich halte?

Grau zu Schwarz und Schwarz zu Weiß,
wandelt sich der Alte,
fließt dahin, der Greis.
sich selbst neu zu gestalten.

Weiße Krallen, schwarze Schwingen,
die Brust vor Feuersbrunst geschwellt
reißt auf sein Maul, um alle Welt
samt Menschen zu verschlingen.

Der Drache ist gekommen!
Der Held wankt wie benommen!

Sein Schwert schon voller Kerben,
zerbricht zu tausend Scherben.

Alle Hoffnung ist verloren,
verwelkt, wie sieben lange Jahre.

Gleich einer Leiche liegt der Held,
zum Scheitern auserkoren,
reglos auf der Totenbahre,
derweil die Welt zu Staub zerfällt.

Doch plötzlich strebt zu höchstem Ruhme
aus Aschebett und Trümmerhaufen,
aus Menschenmatsch und Knochenstaub
eine blaue Blume.

Ihr reines Licht,
vor dem selbst die Finsternis zerbricht
strahlt hell wie tausend Sonnenwelten,
und dringt hindurch zu uns’rem kleinen Helden.

Erwacht endlich aus seinem Schlummer,
aus Grabestiefen aufgestiegen,
und sieht durch all den Menschenkummer,
die Liebe letztlich siegen.

Er wirft sich auf die Knie eilig,
entreißt dem kargen Ascheboden,
die Blume, blau und heilig,
dem Drachen wird sie feilgeboten.

Der Drache, der Liebe nie gekannt
erstarrt zu Stein und wandelt bald
von neuem die Gestalt.

Der Zauber ist gebannt.
Der langen Jahre sieben,
Hat der Zauber ihn geplagt,

Endlich hat er ihn vertrieben,
Die Nacht zerfällt zum Tag.

Zuletzt, er lächelt, unser Held.
Dies gebrochen‘ Schwert,
geb ich freudig hin der Welt.
mag sie auch selbst gebrochen sein;

sie ist es wert, sie ist es wert.

Ballade von der Kunst des Totenbeschwörens

In stiller Kammer ich sitze,
über Folianten gebeugt.
Ich denke aus, ich kritzle,
alles wird streng beäugt,
wird streng geprüft,
ob’s auch was taugt,
ob’s einer braucht;
ob’s eines Tages sich erheben kann.

Da ist etwas lebendiges,
in meinem Herzen zieht es seinen Kreis.
Ich würg es und ich kotz es aus;
tot liegt’s vor mir, schwarz auf weiß.

Wie aber nun kann man beschwören,
was kaum geboren anheimfiel schon der Nacht?
Welche Dämonen muss ich betören,
um aufzuwecken, was ich erbrochen?
Um auszusenden in die Schlacht,
mein Heer aus schwarzen Tintenknochen?

Ein häßlich Ding aus Tröchäen und Anaphern
zimmer‘ ich zusammen,
einen Homunkulus aus Jamben und Metaphern,
verbind‘ Silben mit dem Dichtersfaden,
zu Versen und zu Strophen,
zu Sätzen, ganzen, und dem ersten
Kapitel, dem zweiten und dem dritten
und jedem nur erdenklichen Stilmittel!

Aber ich vergaß:
mir fehlt die Muse für ein rechtes Maß.
Kein Metrum wird mich jemals zwingen,
will stürmisch frei die Tat vollbringen!

Chaos, heißt es nämlich,
sei die Suppe allen Lebens.
Chaos lass ich drum gewähren,
lass vom Bücherstaub die Milben nähren,
lass Maden, Spinnen, Ratten,
sich gegenseitig niederraffen,
sich begatten!

Ein Kreis aus Tod und Leben,
aber nicht ich hat‘ ihn geschaffen!

Nein, im Chaos ist es nicht zu finden,
so gilt wohl doch der gegenteilige Gedanke.
In Ordnung (pah!) muss ich mich drum binden,
und greif zu Zirkel und Sextanten,
um klar zu messen jene Kraft,
die in uns wirkt und Leben schafft.

[Verzweifelt such ich fader Geisterfänger,
in starrer Ordnung Leben auszusäen. 
ein traurig Lied vom Werden und Vergehen.
So höre das Sonett des Totensängers.

Doch will es nie gehorchen meinem Herzen,
wie könnt mit Tod auch Tod ich überwinden?
auch in der Ordnung ist es nicht zu finden,
des Rätsels Lösung will mich niederwerfen!

Dem Scheitern trotz ich weiterhin voll Eifer,
am Ende wird es mir gewiss gelingen,
erhebe mich und werde größer, reifer .
Geheimes Wissen werd ich bald schon finden!

So such die Antwort ich und ziehe weiter,
und werd den Tod ins Leben schon noch zwingen. ]

Pah, widerlich …

dieses strenge Strophenstammeln,
das Leben in seinen wilden Bahnen,
lässt sich doch nicht sorgsam planen!

Wenn meine ureigene Kraft,
die Worte nicht vom Tod befreit,
dann ruf ich jetzt, aufgepasst,
die Geister der Vergangenheit!

Denn eines weiß ich ohne Frage:
die hohe Kunst der Nekromanten,
gelang vor mir schon vielen and’ren,
drum will ich sehen, wie sie’s taten!

Also Leichenfledderei …
der alte Goethe hat’s gekannt,
das große Geheimnis, ei ei ei,
Knochensäge; sei zur Hand!

Auf Brettern liegt nun,
von Blut und Tinte rot und schwarz getränkt,
der Leib des alten Meisters nieder.
Verächtlich blick ich auf ihn herab,
studier‘ ihn, wieder und wieder.
Was hat er denn, was ich nicht hab?

Knochen und Geweide bersten,
unter meinem Messersblick.
Der Werther, Götz, und Faust, der erste
schneid‘ Augen raus und breche ein Genick.

Enthüll, was du in deinen Därmen mir verbirgst!
Heraus damit! Würg, igitt!
Was klebt an meinen Händen?
egal; wer gut sein will muss Leichen schänden!

So sehr ich wühl, so sehr ich stech,
die Regung nie zugrunde geht.
Was ich auch tu, was ich auch brech,
es lebt, es lebt!

Gesülze, Geflenne, Gefühle,
vom Dichtersfaden gebunden, verwebt.
Ich seh die Wunden, die Narben,
aber … ES LEBT!

Aber wie kann es sein,
dass diese fremden Charaktere
allein durch meines Blickes Segen,
sogleich beginnen sich zu regen,
während alle meine Werke,
ohne Atem, ohne Kehle,
wo ich doch so redlich strebe,
nie eine Geburt erleben?!

Wie kann es sein,
dass dieser schwarze Tintenbrocken,
des Todes ewig‘ Joch gebrochen,
während alle meine Kinder,
ohne Leben, ohne Seele,
wo ich doch mein Herz hingebe,
niemals … niemals sich erheben?

Steh auf, du Ding, du totes!
Ich rufe, ich beschwöre dich!
Dein Schöpfer hat dir was befohlen!
So steh doch auf … verlass mich nicht!

Und es schaut der hohe Meister,
streng herab gleich einem Richter,
höhnisch feixen seine Geister,
während für den toten Dichter,
Reim um Reim und Stanz um Stanze,
seine Texte frech und heiter,
dem Tode trotzend weitertanzen!

Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister

Schreck, und wieder hebt sich einer!

Hilflos fang ich an zu fluchen,
als plötzlich die Erkenntnis keimt:
ich war’s doch, der dich gerufen,
und ich werd’s sein, der dich verneint!

Beschworen hab ich dich, du Geist,
der mein Herz seit je gekannt!
Jetzt zeig ich das geheime Zeichen:
fort du Meister, sei gebannt!

Stille, plötzlich,
Stille, ich begreif‘s!

Es galt schon in der alten Zeit:
die hohe Kunst des Nekromanten,
liegt nicht im Ich, sie liegt im and’ren!
Sie liegt im Du, im fremden Geist!

Nur fremdes Auge kann vollbringen,
dass tote Tinte sich erhebt,
nur in fremdem Ohr kann’s neu anklingen,
und hören, ob’s tot ist noch oder schon lebt

Wenn Goethe stößt auf Ohren taub,
dann sammelt selbst der Gott nur Staub,
in seinen Eingeweiden steckt dann eben
keineswegs ein Eigenleben!

Erst durch unser Aug, das sehend,
freudebebend sich ergebend,
es durchdringt mit purem Leben,
mag es wieder auferstehen.

Ohne uns ist Goethe nur,
ein Geist vergangener Epochen.
Und ohne euch ist selbst der Faust
nur eine Truppe toter Tintenknochen.

Irgendwann bin auch ich ein hoher Meister,
von diesem Ziel werd ich nicht weichen.
Bis eines Tag’s ein junger Streiter
sie zerfleddert, meine Leiche.

Bis dahin aber, so sieht’s aus,
bleib ich daheim und wühl‘ im Faust.

Fleischeslust

An alle Öko-Diktatoren:
ihr habt mir echt den Appetit verdorben!

Nur weil ich alle Jubeljahre
zu McDonalds, KFC oder Burger King fahre,
bin ich gleich ein schlechter Mensch?

Außerdem, ich stimm euch zu:
zu viel Fleisch is auch nicht gut.
Ich ess ja selber nur ganz wenig …

mal ab und zu n‘halbes Hähnchen,
beim Bäcker lecker Fleischkäsbrötchen,
Pizza, Burger oder Döner,
sind ja eh nur halb so schlimm,
da is ja viel Gemüse drin.

Höchstens mal bei Freunden
oder unterwegs,
ne Packung Crispy Bacon Flakes,
in Uni-Mensa und Kantine,
ist das quasi schon Routine;
es gibt ja auch kaum Auswahl dort.

Außer vor nem halben Jahr,
da gabs sogar nen Veggie-Tag!
Ja gut, da war ich grad nicht da …
war bei Mutti eingeladen,
lecker Knödel und Rouladen,
sonst wär ich auch mal hingegangen,
bin ja schließlich unbefangen.

Doch ihr seht ja schon:
ich ess kaum Fleisch.
Und wenn ich alle hundert Jahre
dann mal ein Rindersteak verdaue,
kommt es, das steht außer Frage,
von meinem Metzger des Vertrauens.

Der passt auf seine Tiere auf,
oder der Bauer von dem er’s kauft.
Irgendeiner wird’s schon tun …
In Deutschland gibt es noch Gesetze,
hohe Strafen, sollte man sie verletzen.

Fünfmal täglich kommt der Tierschutz
und findet er ein Quäntchen Schmutz,
wird der Laden zwangsgepachtet,
jede Sau notgeschlachtet,
damit sie nicht mehr leiden muss.

Außerdem gibt’s, wie ich finde,
hunderttausend gute Gründe,
auch weiterhin sein Fleisch zu essen.

Der erste lautet: Tradition!
Es galt in grauer Vorzeit schon,
das alte Gesetz auf uns’rer Erde
vom Fressen und Gefressen werden.

Und Traditionen, die sind wichtig,
erweisen sich auch nie als nichtig.
Fehler ham wir nie begangen!
Frauen hatten Rechte, durften wählen,
Sklaven hat es nie gegeben,
in Herkunfts- und in Glaubensfragen waren wir
stets und immer unbefangen.

Bedenke außerdem, der du das Bodennreich
nach Nährstoffen durchwühle:
Pflanzen haben auch Gefühle!
Du Spargelschäler, Erbsenquäler,
Möhrenmörder, Bohnentöter!
Das ist doch keine Linsenweisheit:
das was du da kaust,
trägt bei zu einem Holokraut!
Ein Genozuccini sondergleichen!
Ein Pastinaken-Massaker,
begangen von Horden wilder Veganervandalen,
die abertausend von Tomaten-Soldaten
aufknüpfen an einem Galgen aus Algen,
verwursten und dann in Massen-Salaten begraben!

… welcher Lauch,
ist euch Veganern eigentlich
über die Leberwurst gelaufen?

Euren missionarischen Eifer find ich echt zum kotzen,
sowas kann ich echt nicht leiden;
es soll halt jeder selbst entscheiden.

Eines darf man nämlich nie vergessen:
Hitler hat auch kein Fleisch gegessen!

Ja, ich seh da schon Zusammenhänge,
also verschone mich mit solchen Zwängen.
Jeder soll doch einfach mampfen,
ungehemmt und ungeniert,
wie der Schnabel ihm gewachsen;
das hat schon immer funktioniert!

Wenn jeder einfach nur das tut,
worauf er Bock hat, was er möchte,
geht’s doch allen ziemlich gut –
wär das nicht beste?

Leben und leben lassen, sag ich immer.

So hab ich früher mal gedacht,
Veganer hab ich ausgelacht.
Ich hoff, die Ironie war klar
die Message lautet: lebt vegan.

Ich mach es selber erst seit kurzem,
es war ein weiter Weg.
Den Preis dafür haben andere bezahlt
und ich hab mal ausgerechnet,
wie viele denn von welcher Art:

Anderthalb Kühe oder Schafe,
vier dreiviertel ganze Gänse
achtzehn Puten, vierzehn Enten,
so grob geschätzt zwanzig Schweine
und sage und schreibe
dreihundertdreiundsiebzig Hühner
hab ich meinem Leben schon verschlungen …
und Hühnchen hab ich gern gegessen,
könnt ihr locker auf vierhundert runden.

Über dreißig Jahr‘ hab ich mich selbst belogen
war verblendet, hab verdrängt
was sie auch wollen, die da oben,
denn kein Mensch, der noch halbwegs vernünftig denkt
kann diese Massen-Scheiße unterstützen.

Die Wahrheit aber, Achtung:
Massen an tierischer Nahrung,
gibt’s nur aus Massentierhaltung!

Mein Gewissen quälte mich.
Es auszuschalten wird uns leider leicht gemacht,
ich denk, den meisten geht’s da ähnlich.
Man kauft Bio und ist glücklich,

ein grünes Siegel fürs Gewissen …
den Tieren geht’s nur leider weiterhin beschissen.

Aber eins kann ich euch sagen,
und zwar,
dass all die fiesen Fragen,
die unbewusst Tag für Tag und Stund für Stund
an unserem Gewissen nagen:

wo kam das her?
Wie wuchs es auf?
Hat’s gut gelebt und durft’s mal raus?
Mit seinen Artgenossen auf die Wiese,
ein bisschen frisches Gras genießen?
Stand’s in ner Box, wenn ja, wie lang?
Wie hoch, wie breit, wie eng, und wann?
Sein ganzes Leben, nur im Winter?
Was war mit den andern Rindern?
War‘n sie mal krank, wenn ja, warum?
Gab’s Antibiotikum?
Wenn ja, wie viele, welche Sorte –
da vergeh’n einem doch die Worte!

Wenn man den Metzger ganz vermessen
mit allen diesen Fragen quält …
dann kann man schnell einmal vergessen …
man wollt doch nur ein Schnitzel essen …

Doch alle diese Fragen sind pasé,
wenn man statt Tierleid Pflanzen wählt.

Fleisch oder nicht Fleisch,
ist also heut die Frage.
Und darüber kann man trefflich streiten
mit Kollegen & Kommilitonen,
in den verbotenen Zonen gesetzloser Internetforen,
unter Youtubevideos in den Kommentarsektionen –

aber lasst uns doch mal reden,
worüber wir uns alle einig sind:
egal ob Katz ob Kuh, ob Hund ob Rind,
das sind alles fühlende Persönlichkeiten,
die zumindest den Respekt verdienen,
dass wir sie nicht achtlos in Gaskammern treiben
wo sie schreien und leiden,
sie nicht in Massen züchten,
misshandeln und richten,
dass sie keine Ware, sondern Wesen sind.

Man darf sie nicht endlos
aufeinanderstapeln,
sie stundenlang durch sengende Hitze
zum Schlachthaus fahren,
sie wie Aktenschrott
durch einen Schredder jagen.

Es muss ein Umdenken her und zwar radikal,
also wenn du im Supermarkt stehst vorm Regal,
dann lass die Müllermilch mal liegen,
die Fertigsauce mit Fleisch,
den Fisch aus der Dose, Sardellen, Sardinen,
die Eier, die Butter – es gibt tausend Alternativen!

Und wenn dein Leben ohne Fleisch
so traurig wär, so kümmerlich
(Spoiler-Alarm: isses nich),
dann schätz es wenigsten ein bisschen wert
iss es bewusst, nicht nebenher.

Veränderungen sind immer schwer,
fallen aber jedem leicht,
der Anteil nimmt an Schmerz und Leid,

auf seine inn’re Stimme hört,
der in sich geht und selbst bemerkt:
es isst nicht nur das Auge mit,

sondern auch das Herz.

Steiner

Es war mal einer
sein Name war Steiner
Rudi Steiner
Rudolf Steiner
so viel Zeit muss sein
seiner war er weit vorraus
Zeit mein ich

seinerzeit war landesweit keiner
auch nur halb so weit wie Steiner
und gerade weil er
so’n Typ war, so’n richtig geiler,
sachte Steiner,
hört mal zu ich bin nicht noch so einer
nicht noch so‘n Langeweiler,
bin der gottgesandte Heiler,
bin der größte gemeinsame Teiler,
und teil euch heut die Wahrheit mit
von der Wissenschaft, und zwar meiner.

Seine geheime Wissenschaft,
die hatte was, das wissen alle, fast
obwohl, eigentlich weiß es keiner
keiner außer Steiner.
Denn Steiner der konnt lesen,
ja, nich‘ einfach nur Bücher – das wär ja nix gewesen!
ne, Steiner die alte Keule
diese Lichtgestalt, diese Säule
des Erkenntnisstrebens,
der Wortgewalt,
des Seelenlebens,
warf ganz kühn einen Blick
in die – so heißt das wirklich – Akasha-Chronik

Akasha the fuck?
hab ich mich auch gefragt und mal gegoogelt,
was die olle Steinernudel
damals ausgesprudelt hat.

In jener Chronik steht geschrieben,
was der Welt im Kopf geblieben,
streng versiegelt und verborgen
dass auch nur wer auserkoren
aus ihr lese, was gewesen
sich von diesem Wissen nähre
und damit die Welt belehre

keiner konnt es,
keiner
außer einer … na, was meint er?
weiß es einer?
Richtig!
Steiner!

So fiel runter wie ein Ast,
die geheime Wissenschaft;
kennste? Haste nix verpasst.

Geheim? Geh heim, sagten seine Gegner,
Doch dem Guru war’s egal,
seinen Fans allemal
denn er hatte was von Rockstar
wie er dastand in der Schockstarr‘
strenge Augen, strenge Worte
trock’ner als die Wüste Gobi
so spannend wie ein Praktikum bei Obi,
(und ich meine nicht Wan Kenobi)

egal, die Leute waren ihm verfallen
und von allen wundervollen Fallen
in denen man in solchen Fällen
sich einfallslos verfangen kann
entsprang in jener Zirkelründe
dieser Einfall aller Münde:
lasst uns doch ne Schule gründen!

Die Waldorfschule war gedacht
mit Namentanzen, Silbenklatschen
Öko und Walpurgisnacht
mit Geisterwesen, Bäumen quatschen
Jahrsiebtelehre, Sonnenfesten
und bunten Flyern in Briefkästen.

Ach, was könnt ich euch erzählen
von Atlantis-Perlen, Engelsseelen
Ätherleib und Plastizieren,
mystisch malend musizieren
sich kanon-kreischend inkarnieren

ach die Waldis, lasst sie spinnen
bisschen tanzen, bisschen singen
was könnt denn als ein müdes Kringeln
meinem Mundwinkel entrinnen?

Jaaa,

doch unter ihnen gibt’s ganz Doofe,
und auf ihrer Seelenreise
glauben sie fast jede Scheiße
solange sie nicht mainstream ist
und bisschen auf die Pharma pisst
schlucken munter ihre Globuli,
die Kinder sah der Doktor nie
und langsam wird es allen klar:
ach wissen se, Steiner sacht ja:
statt impfen, lieber Euyrthmie

Aber echt, wen kümmert Herdenschutz?
Lasst sie suhlen sich im Schmutz
sieh, wie glücklich sie doch sind!
protzen brüsk die stolzen Eltern,
Impfgegner und Sorglosväter
es wächst daran der Leib aus Äther
von dem kleinen Jasper-Peter,
von Finn-Luka und Leander,
von Sophie und all den andern
und wenn stattdessen eben
Masern, Pocken, Polio wächst
ach, was zählt ein Kinderleben?
es härtet ab, was nicht umbringt
und selbst wenn
die Seele wird sich neu erheben
das nächste Leben kommt bestimmt.

Auch wenn sie’s gerne mal verdrängen
ich will das Kind beim Namen nennen:
Steiners kranke Körperkunde
sickert durch in jeder Stunde
wer, schwarzweißgehalten, goldgerahmt an allen Wänden
des Meisters strenge Züge späht
wer Aug‘ und Ohren offenhält, mal nachprüft
was dahintersteht,
begreift ganz schnell
wer im Hintergrund die Fäden zieht.

Aber jetzt mal Spaß beiseite,
was uns Steiner prophezeite,
ist tatsächlich wahrgeworden
Waldorf-Schul’n sind allerorten
der perfekte Gegensatz
zu uns’rer Ego-Alltagshatz
den ganzen Ellenbogenkämpfen
den Kapital- und Konsumkrämpfen

Nur auf den Eso-Kram könnt ich verzichten
denn ich seh, was er anrichtet.
Und eins hab ich erkannt:
Erkenntnis klappt nur, Hand in Hand
mit der Wissenschaft, und zwar der echten
drum werd‘ ich ewiglich anfechten
was hinter dem Gedanken Waldorf steht
bis einst was neues sich erhebt.

Dennoch, Taten zählen mehr als Worte
und es gibt von jener Sorte
mehr als reichlich an den Schulen
die mit Lieb‘, Geduld und Tugend
ihren Herzen Räume schaffen.

Was Steiner dazu beigetragen,
das muss ich mich bis heute fragen.
Aber, ach, ich läster
dabei war er gar kein schlechter,
halt ein wenig ausgeflippt
bisschen zu viel Absinth gekippt,
ich weiß es nich‘
drauf geschissen,
ich wills auch gar nicht wissen …

… nur eins weiß jedereiner:
das einzige Wahre war Steiner
gut, das war jetzt nicht meiner
aber so’n klitzekleiner,
musst ich mir halt leihen, leider
denn so sehr man sich auch müht
nicht ich, nicht du, keiner
wird je so sein wie Steiner.

Osterspaziergang 2020

Vom Kriege entzweit, strömen zahllose Menschen,
gen Westen über die grünende Flur.
Teils Hoffnung, teils Schwermut prägt ihren Blick.
Die alte Heimat, in ihrer Schwäche,
die rauen Berge, ließ man zurück.

Vor dort her starten sie, fliehend, nun,
ohnmächtig trauernd die rädernde Reise,
in Booten über das mittlere Meer;
aber kein Fremdes duldet der Weiße!
Überall regt sich Bildung und Streben,
er will es nicht teilen, hat was dagegen.
Es sei doch schon bunt genug im Revier;
sie fordern braune Sümpfe dafür.

Kehre dich um von dieser Schande,
das alte Feuer anzufachen!
Aus den hohlen finstern Köpfen,
dringt hervor die häßlichste Hetze.
Hetzen über Muslims gern;
die feiern ja nicht die Auferstehung des Herrn!
Doch auch sie sind auferstanden:
aus heimicher Häuser tristen Trümmern,
aus besetzten Straßen und brennenden Städten,
aus dem Druck von Wahn und Waffe,
aus des Peinigers lähmender Enge,
aus des finstersten Tales finsterster Nacht,
sind sie alle – fast – ans Licht gebracht.

Sieh nur sieh! Wie beengt doch die Menge,
in Lagern und Feldern aus Zelten verweilt,
wie die Grenz in Breit und Länge,
so manche müde Familie zerteilt.
Und, bis zum Sinken überladen,
versinkt nun auch der letzte Kahn,
selbst von des Lesbos bunter Insel,
blinken uns gräßliche Bilder an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel:
„Hier ist des wahren Volkes Himmel!“
Bedrücket jaulet groß und klein:
„Ich bin doch Mensch, lasst mich rein!“