Alles im Leben hat seine Vorteile, alles im Nebel hat seine Nachteile. Binsenweisheit, schon klar. Dafür bist du schließlich hergekommen. Wie gesagt, ich habe nichts zu bieten – und davon jede Menge. Keine besonderen Einsichten, keine schockierenden Enthüllungen oder weltbewegende Offenbarungen. Alles, was ich zu sagen habe, wurde bereits tausendfach gesagt. Aber es lohnt sich, es auch ein tausend und erstes Mal zu erzählen.
Das schönste an der momentanen Lage ist die Stille. Wir schreiben das Jahr 2020. Der holde, belebende Blick des Frühlings streift Deutschland in diesen Tagen. Während tagsüber plötzlich alle das Spazierengehen neuentdeckt haben, sieht es nach Einbruch der Dunkelheit gänzlich anders aus. Deutschland ist abgeriegelt. Seine Bürger eingesperrt. Wobei – das klingt so nach Fremdzwang, nach Staatsgewalt. Wir wurden nicht eingesperrt. Und auch wenn unsere Türen verschlossen sein mögen, unsere Herzen sind doch offener denn je zuvor. Nein, wir wurden nicht eingesperrt. Wir haben uns aus freien Stücken zurückgezogen, und manche wagen sich kaum noch nach draußen. Wenn sie es dann einmal sind, können sie die Sonne kaum genießen.
Mir war die Sonne stets egal. Man könnte sagen, wir haben eine komplizierte Beziehung zueinander. Womöglich findet dieses Jahr noch so etwas wie eine Versöhnung statt. Alles in allem aber bin ich eine Nachteule. Ich schlendere gerne durch die Straßen, wenn die Laternen ein Schattenmuster auf die reichhaltigen Fassaden der Oststadt zaubern. Ich genieße den Sternenhimmel, und mag er über Mannheim noch so karg sein. Ich bewundere das Farbenflimmern und Zusammenspiel der unterschiedlichen Lichter, von goldengelb über leseblau bis flutlichtweiß. Und ich liebe die Stille.
Stille. So etwas gibt es in der Großstadt genauso wenig wie echte Dunkelheit. Gut, Mannheim ist noch überschaubar und es hat tatsächlich seine abgeschiedenen Ecken. Zwischen Oststadt und Jungbusch, zwischen Neckarstadt und City-Core aber herrscht immer irgendwo irgendein Trubel.
In diesen Tagen aber: Stille. Alles still, sagt Theodor Fontane wenn er vom Winter spricht. Tatsächlich erinnert diese Stille an eine frühe Winternacht mitten in einer Spätnovemberarbeitswoche. Nur, dass wir einen lauen Samstagabend im April haben und dass die Stadt eigentlich vor aufblühendem Leben pulsieren müsste! Autos müssten sich gegenseitig über die Schnellstraßen jagen, voller halbtrunkener Beifahrer, die nicht schnell genug den nächsten Club erreichen können. Gruppen gröhlender Jugendlicher müssten umherstreifen, die Musik müsste aus den Bars hämmern, die Dönerbuden für einen schnellen Bissen zwischen den Bieren überbersten. Stattdessen aber lichterlose Schaufenster, zugeklappte Fensterläden und übereinandergestapelte Stühle vor den Cafés.
Und Stille, durchbrochen nur vom Klacken einer Fahrradkette und dem Geraschel einer Katze im Gebüsch (ich habe noch nie so viele Katzen in Mannheim gesehen! Es gibt sie also doch …) Die meisten Menschen haben Angst vor der Stille oder vermeiden sie doch zumindest. Stille kennen sie nur als peinliches Schweigen, nicht aber als die Achtsamkeit des Lauschenden. Es gibt keine Stille, jedenfalls nicht in unserer gewohnten Welt. Irgendetwas raschelt immer, irgendwo dröhnen immer die Motoren, und hinter einer Häuserreihe heult der Wind. Hören kann man das erst, wenn die Welt kollektiv für einen Augenblick den Atem hält. Dann merkt man, dass die Stadt nicht ausgestorben ist. Dass sie nur ein wenig vor sich hin döst, schnarcht. Und dass sie morgen schon mit neuen Kräften sich erhebt.
Bis dahin aber lasst uns die Stille genießen. Wer weiß, was wir darin hören.